„Ekliges“ Maisbrot und Trümmerspiele

130 Jahre in Wuppertal:„Ekliges“ Maisbrot und Trümmerspiele

Die 40er Jahre waren auch in Wuppertal geprägt von Nahrungsmangel und Wohnungsnot. Ursula Vogels erinnert sich aber auch an viele schöne Momente.

Der Milchwagen – hier ein ähnliches Bild der Milchlieferantin Josepine Opendrink in Lindental – kam in den 40er Jahren regelmäßig in die Siedlung. Archiv-Foto: Hans-Peter Glasmacher
Der Milchwagen – hier ein ähnliches Bild der Milchlieferantin Josepine Opendrink in Lindental – kam in den 40er Jahren regelmäßig in die Siedlung. Archiv-Foto: Hans-Peter Glasmacher
Die Lotte-Neumann-Siedlung wurde Ende der 30er Jahre für die Mitarbeiter des Textilunternehmens Neumann gebaut. Die Mutter von Ursula Vogels half bei der Organisation. Archiv-Foto: Peter Oertel
Die Lotte-Neumann-Siedlung wurde Ende der 30er Jahre für die Mitarbeiter des Textilunternehmens Neumann gebaut. Die Mutter von Ursula Vogels half bei der Organisation. Archiv-Foto: Peter Oertel

Von Tanja Heil

An das Kriegsende erinnert sich Ursula Vogels nicht mehr genau, weil sie damals erst vier Jahre alt war. Aber eine Szene aus den Hungerjahren ist ihr im Gedächtnis geblieben: „Meine Mutter war hamstern und brachte einmal zwei lebendige Gänse mit.“ Richtig gehungert hätten sie nie, die Eltern haben es immer geschafft, genügend Nahrung herbeizuschaffen. Doch einseitig sei die Ernährung schon gewesen: „Es gab damals oft Maisbrot, das schmeckte ganz eklig.“

Der Vater erschien nach der Gefangenschaft erst einmal fremd

Der Vater von Ursula Vogels kam aus der Kriegsgefangenschaft zurück, als das Mädchen fünf Jahre alt war. „Ich kannte den gar nicht.“ Damals kümmerte sich vor allem ihre Großmutter um das kleine Mädchen - Vogels’ Mutter arbeitete als Privatsekretärin für den Textilunternehmer Carl Neumann. Sie half mit bei der Organisation der 1939 erbauten Lotte-Neumann-Siedlung auf Hatzfeld, in der Vogels noch heute lebt.

Die Siedlung sei damals eine eigene Welt gewesen, erinnert sich Ursula Vogels. In den 50er Jahren habe es zwei Lebensmittelgeschäfte und einen Metzger gegeben, die in den 80er Jahren geschlossen haben. „Außerdem kam immer ein Bauer mit dem Pferdewagen und brachte Milch.“ Für größere Einkäufe begleitete Vogels ihre Mutter manchmal nach Barmen. „Am Alten Markt kamen die ganzen Busse an - da regelte ein Schupo den Verkehr.“

Die Gemeinschaft in der Siedlung sei immer gut gewesen. „Wir haben damals viel draußen gespielt – zum Beispiel Trümmerverstecken in einem kaputten Haus“, erzählt die 75-Jährige. „Man konnte auf der Straße wunderbar spielen und Schlitten fahren, es waren ja wenige Autos unterwegs.“ Begeistert waren die Kinder, wenn sie einmal bei einem Nachbarn im Beiwagen eine Runde durch die Siedlung drehen durften. Sieben Kinder hätten damals aufs Motorrad und in den Beiwagen gepasst, berichtet Vogels. Erst Ende der 60er Jahre verbreiteten sich Autos.

WZ-Leser erzählen: die 40er Jahre

Der Bombenangriff auf Barmen hatte weite Teile der Innenstadt zerstört. Deshalb herrschte in den 40er Jahren große Wohnungsnot. Foto: Stadtarchiv
Der Bombenangriff auf Barmen hatte weite Teile der Innenstadt zerstört. Deshalb herrschte in den 40er Jahren große Wohnungsnot. Foto: Stadtarchiv
Am Alten Markt und auf der Friedrich-Engels-Allee regelten Schupos den Verkehr – wie hier Wasserball-Legende Erich Hetfeld, der Anfang der 50er Jahre als Verkehrspolizist tätig war. Archiv-Foto: Herbert Vesper
Am Alten Markt und auf der Friedrich-Engels-Allee regelten Schupos den Verkehr – wie hier Wasserball-Legende Erich Hetfeld, der Anfang der 50er Jahre als Verkehrspolizist tätig war. Archiv-Foto: Herbert Vesper

Wohnraum war damals schwer zu bekommen - die Stadt war zum großen Teil zerbombt. „Direkt nach dem Krieg hatten wir Einquartierungen - aber das ging schnell, dass sie etwas Eigenes fanden.“ Die Klassen waren in den Nachkriegsjahren überfüllt. Jeweils abwechselnd morgens und nachmittags sei sie damals in die Schule gegangen, mit 80 Kindern in der Klasse, erzählt Ursula Vogels. „Der Lehrer war streng und vor allem die Jungens kriegten es mit dem Stock.“ Trotzdem liebten die Kinder ihren Lehrer und organisierten bis zu dessen Tod Klassentreffen.

Die Religionen waren in den 40er Jahren streng getrennt

Als Kind wäre Vogels lieber katholisch gewesen: „Die hatten wegen der vielen Feiertage mehr schulfrei.“ Damals jedoch waren die Religionen noch streng getrennt. „Ich hätte nie einen katholischen Mann geheiratet. Heute finde ich das albern - aber damals waren wir so erzogen.“

Ihren Mann lernte sie schließlich bei einem Schulfest in der Stadthalle kennen. Wobei auch die Gymnasien damals noch zwischen Mädchen- und Jungengymnasium getrennt waren. Nur bei besonderen Veranstaltungen trafen sich die Geschlechter.

Vogels wurde später selbst Lehrerin und arbeitete auch als Mutter weiter – zu dieser Zeit noch sehr ungewöhnlich. „Acht Wochen nach der Geburt habe ich wieder angefangen - das war damals so. Die Kinderfrau bekam 600 Mark im Monat, da kriegten wir keine Zuschüsse.“ Es blieb also nicht viel übrig für die junge Familie. Gesellschaftlich galt in dieser Zeit noch das Ideal der fürsorglichen Hausfrau und Mutter, die zu Hause bleiben sollte.


WSW