Die Liebe weiterleben

Abschied nehmen:Die Liebe weiterleben

Der Psychotherapeut Roland Kachler hat für sich einen anderen Weg der Trauer entdeckt und darüber ein Buch geschrieben.

Josef Schmitz Bestattungen

Roland Kachler hat das wohl Schlimmste erlebt, was Eltern widerfahren kann: den frühen Tod des Kindes. Mit 16 Jahren war sein Sohn als Sozius auf dem Motorrad bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt. Was nun? Wie soll man diese Tragik verarbeiten? Manche sagen: Die Zeit heilt alle Wunden. Andere raten: Du musst loslassen können und versuchen, allmählich wieder in deine eigene Spur zu kommen.

Für Roland Kachler fühlte sich dies alles nicht echt an. „Mit der damals gültigen Trauerpsychologie konnte und wollte ich nicht leben“, blickt er zurück. „Ich wollte in meinem Trauerprozess mehr als Abschied nehmen. Ich wollte - und will es übrigens bis heute – meine Liebe zu meinem Sohn weiterleben können.“

So beschritt der Psychotherapeut für sich einen anderen Weg und hat auch darüber geschrieben. Das Ergebnis ist der Ratgeber „Meine Trauer wird dich finden – Ein neuer Ansatz in der Trauerarbeit“. Vor zwölf Jahren erstmals erschienen, hat er ihn überarbeitet. Sein Grundgedanke: Wir brauchen für unsere verstorbenen geliebten Menschen einen bergenden, schützenden, haltenden und heilsamen Ort. „Einen sicheren Ort, damit wir unseren geliebten Menschen nicht noch einmal verlieren. Damit wir ihn weiter lieben und bewahren können.“ Damit, sagt Kachler, stelle er das alte Dogma von der Trauer als einen Abschiedsprozess infrage und auch das „Loslassen“, das den Trauernden oft so schwerfällt.

Mit seinem Tod hinterlässt ein Mensch bei Angehörigen und Freunden ein großes Loch. Aber trotz alledem ist die Liebe zu diesem Menschen nicht mitgestorben. Sie wolle weitergehen und nun auf eine andere Weise gelebt werden, sagt Kachler. Die Loyalität ist noch da, man wolle den Verstorbenen nicht an den Tod verraten.

Buchhandlung Mennenöh

Auf 180 Seiten hat der Autor seine Kapitel jeweils ähnlich aufgebaut. Zumeist beschreibt er anfangs seine Gefühle, angefangen von seinen Gedanken, als der Sarg seines Sohnes auf dem Friedhof in die Erdgrube niedergelassen wird, bis hin bis zur Erkenntnis, dass man eines Tages selbst sterben wird und man sich sicher sein kann, den Verstorbenen wieder in die Arme schließen zu können.

Nach solchen Exkursen in die eigene Gefühlswelt versucht er, teilweise auch wissenschaftlich untermauert, diese Gedanken für den Leser aufzuarbeiten. Am Ende des Kapitels stehen einige Hilfestellungen und Übungen, die helfen sollen, das Gelesene nachzuvollziehen.

Im Mittelpunkt steht stets die These, dass der Verstorbene in den Gedanken der Mitmenschen omnipräsent sein kann. „Ich weiß natürlich, dass der Sohn nicht mehr lebt und deshalb leiblich nicht mehr greifbar ist. Gerade deshalb möchte ich ihn nicht verlieren, sondern weiterhin eine Beziehung mit ihm leben. Der Tod verändert nur die Beziehung zum Verstorben. In der Liebe des Hinterbliebenen lebt diese Beziehung weiter!“

Einen besonderen Stellenwert in seinem Ansatz nimmt ein Ort ein, an dem sich der Trauernde dem Verstorbenen besonders nahe fühlt. Für viele Menschen ist dies das Grab auf dem Friedhof. Doch es gibt zahllose andere Möglichkeiten, zum Beispiel ein Zimmer im Haus, das ganz besonders an den Toten erinnert, eine Landschaft, eine Sitzbank im Park oder natürlich eine Gedenkecke in der Wohnung.

Irgendwann nimmt das normale Leben wieder seinen Platz bei den Hinterbliebenen ein. Zweifel treten auf: „Wenn ich fröhlich oder ausgelassen bin, verrate ich dann nicht meinen Sohn?“, fragte sich Kachler. „Heißt das, dass ich nicht mehr um ihn trauere, dass er mir schon gar nicht mehr fehlt?“ Schuldgefühle können aufkommen. Die Beziehung zu dem Verstorbenen hat sich geändert. Aber das ist kein Alarmzeichen, sondern ein Zeichen dafür, dass sich eine Liebesbeziehung – wie im Leben auch – normalisiert.

Man muss nicht ständig an den Toten denken. Man muss seine Liebe nicht immer in Schmerz und Trauer ausdrücken. Kachler: „Der Verstorbene ist so sicher in unserem Unbewussten verwurzelt, dass er im Raum unserer Seele und Liebe niemals verloren gehen kann.“
  

INFO

„Meine Trauer wird dich finden“ von Roland Kachler ist in einer Neuausgabe beim Herder-Verlag erschienen und kostet brochiert 18 Euro. ISBN 978-3-7831-2585-6

Die letzte Steuererklärung

Nach dem Tod eines Menschen erben Angehörige auch seine steuerlichen Rechte und Pflichten. Das Finanzamt kann von ihnen eine letzte Steuererklärung verlangen, wenn der Verstorbene Einnahmen hatte, von denen noch kein Steuerabzug vorgenommen wurde. Darauf macht der Verein Lohnsteuerhilfe für Arbeitnehmer aufmerksam.

Für die letzte Steuererklärung gilt eine Abgabefrist. Ist der Todesfall im Jahr 2020 eingetreten, dann muss die Steuererklärung bis spätestens 2. August 2021 abgegeben werden.

War der Verstorbene allerdings nicht pflichtveranlagt, so können die Hinterbliebenen die Steuererklärung auch noch bis zu vier Jahre nach dem Todesfall einreichen.