Särge fürs Leben

Abschied nehmen:Särge fürs Leben

Das Thema Nachhaltigkeit hat die Bestattungskultur erreicht. Ökobestattungen liegen im Trend.

Die Bestattungsindustrie ist ein traditionell konservativer Wirtschaftszweig, dennoch arbeitet sie aufgeschlossen an der zeitgemäßen Weiterentwicklung ihrer Produkte. Besondere Särge sind heute auch besonders nachhaltig. Holz ist an sich schon ein naturfreundliches Material und somit der ideale Rohstoff für Särge. Doch der Umweltschutzgedanke geht weiter. Keine Fremdmaterialien sollen das Erdreich unnötig belasten. Die Holzsärge werden mit umweltfreundlichen Lacken versiegelt oder gleich gewachst, Metall kommt nur noch reduziert zum Einsatz, Griffe muss man entfernen können. Es gibt Unternehmen, die die Polsterungen mit biologisch unbedenklicher Baumwolle oder mit unbehandelten Holzspänen füllen. Aschekapseln sind aus ökologisch abbaubarem Hanf.

Der schlichte rote Sarg von Schreinerin Lene Jünger dient seiner Besitzerin zu Lebzeiten als Schrank.
Der schlichte rote Sarg von Schreinerin Lene Jünger dient seiner Besitzerin zu Lebzeiten als Schrank.

In Deutschland sterben jährlich rund 860 000 Menschen. Der Anteil der Feuerbestattungen wächst, in den Ballungsgebieten liegt er schon bei 75 Prozent. Das betrifft die Umwelt direkt. Bei der Verbrennung im Krematorium entstehen Schadstoffe wie beispielsweise Quecksilber, Dioxide, Kohlenmonoxid und CO2. Auch eine Erdbestattung hinterlässt einen ökologischen Fußabdruck mit schlecht abbaubaren Stoffen, die mit in die Erde kommen. Formen der Bestattung gibt es viele. Aber mit der Frage der Nachhaltigkeit beschäftigen sich nur wenige Menschen vor ihrem Tod. Selbst wenn sie ihre eigene Beerdigung planen, steht „öko“ nicht oben auf ihrer Checkliste. Doch Ökologie und Nachhaltigkeit rücken immer mehr in den Vordergrund. Es findet ein Umdenken statt. Egal ob Erd- oder Feuerbestattung, jeder Verstorbene braucht einen Sarg. Auch für die Kremation ist die Verwendung eines Sarges in Deutschland Pflicht. Särge und Urnen, schadstofffrei und aus möglichst natürlichen Materialien, liegen im Trend.

Auch „Bio-Urnen“ werden verstärkt nachgefragt

Es gibt Särge aus regionaler und nachhaltiger Forstwirtschaft ebenso wie Rattan-Särge und an Stelle von Metallgriffen werden Leder-, Holz- oder Seilgriffe angeboten. Der Sargausschlag besteht nicht mehr zwangsläufig aus Kunstfasern, sondern aus Hanfvlies. Auch „Bio-Urnen“ werden verstärkt nachgefragt. Sie bestehen aus Rohstoffen wie Zucker, Kartoffel- oder Maisstärke und zerfallen in der Erde zu Humus. Jemand, der sich sein Leben lang bemühte, im Einklang mit der Umwelt zu leben, möchte auch einen möglichst grünen ökologischen Fußabdruck hinterlassen und dem biologischen Kreislauf Rechnung tragen. Lydia Gastroph kuratiert und verkauft in ihrem Unternehmen „weiss über den tod hinaus“ in München künstlerisch gefertigte Urnen und Särge, die zweckentfremdet bereits zu Lebzeiten genutzt werden können. Mit den bewusst gestalteten Objekten von Kunsthandwerkern und Designern möchte sie ein Angebot machen, dem Tod würdevoll zu begegnen und die Trauerkultur neu zu interpretieren. Särge sind teuer. Was spricht dagegen, sie mit Regalbrettern auszustatten und hochkant schon zu Lebzeiten als Schrank aufzustellen? Oder als Truhe für Bettwäsche zu benutzen?

Die Idee eines Sargschranks ist nicht so neu, wie es auf den ersten Blick scheint. So nutzten zum Beispiel die Habsburger ihre Herz-Urnen lange vor ihrem Tod als Trinkgefäße. Der Tod gehört zum Leben. Särge im Leben wie im Tod zu verwenden bedeutet auch, das Thema Sterben nicht zu verdrängen. Ein Sarg im Wohnzimmer ist nicht gruselig. „Menschen, die ganz bewusst ihre Beerdigung vorbereiten, empfinden es eher als beruhigend, ihre letzte Behausung zu kennen“, weiß Lydia Gastroph. Nicht zuletzt ist die Multifunktionalität sowohl aus ökologischer als auch aus ökonomischer Sicht sinnvoll.

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