Verwitwet und neu verliebt

Abschied nehmen:Verwitwet und neu verliebt

Wie lange dauert Trauer? Und wann „darf“ man wieder eine neue Partnerschaft eingehen?

Sich nach dem Tod eines geliebten Menschen wieder neu zu verlieben, kann im gesamten Umfeld höchst unterschiedliche Reaktionen auslösen. Achim Müller (Name von der Redaktion geändert) hat diese Erfahrung nach dem Tod seiner Frau gemacht.

Am 21. Dezember 2016 erlebte Achim Müller einen harten Wendepunkt in seinem Leben. Drei Tage vor Weihnachten verstarb seine Frau Petra völlig unerwartet. „Wir hatten die Koffer für den Urlaub bereits gepackt und freuten uns sehr auf die anstehende Reise“, erinnert sich der 59-Jährige. Petra ging ins Bad und kam nicht wieder. Als Achim Müller nachschaute, fand er sie leblos vor. Alle Wiederbelebungsmaßnahmen blieben erfolglos. Petra war verstorben.

„Für mich brach eine Welt zusammen. Von jetzt auf gleich war Petra nicht mehr da“, erinnert er sich. Enge Freunde reisten an und halfen ihm über die ersten Tage samt dem emotional behafteten Weihnachten hinweg und unterstützten ihn bei der Verabschiedung seiner Frau. Achim Müller, der beruflich viel unterwegs war, nahm sich einen Monat Auszeit.

„Es gab viel zu regeln und ich brauchte die Zeit, um das alles erst einmal zu realisieren. Diese Zeit der aktiven Verabschiedung war für mich wichtig, um nicht an der Vergangenheit festzuhalten, sondern loszulassen. Es war Teil eines Prozesses, um nach vorne schauen zu können“, berichtet er.

Den Tod zu Lebzeiten zulassen

Was ihm half, war die Tatsache, dass er und seine Frau den Tod zu Lebzeiten nicht als Tabuthema behandelt hatten, sondern offen damit umgegangen waren und es ein Gesprächsthema zwischen den beiden gewesen war. „Wir haben 1996 geheiratet und schon einige Jahre später ein Testament abgefasst. Wir haben den Tod zu Lebzeiten zugelassen“, sagt Achim Müller. Beiden war es wichtig für diesen Fall in beidseitigem Einvernehmen vorgesorgt zu haben. Das galt auch für die Handlungsvollmacht und das Wissen, wie sich jeder der Ehepartner seine eigene Verabschiedung vorstellte. „Für mich war es wichtig in Petras Sinn gehandelt zu haben. Ich hätte es als schlimm empfunden, mich fragen zu müssen, ob sie das so gewollt hätte“, sagt Achim Müller.

Was ihn ebenfalls tröstete war die Tatsache, dass sie beide alles zusammen gemacht hatten, was sie machen wollten. Nichts aufzuschieben und das Leben im jetzt und hier genießen war die Devise der beiden. Das Festhalten an etwas Verpasstem und Gedanken wie „Hätten wir doch nur …“ quälten nicht.

Zwei Monate nach dem Tod seiner Frau lernte er auf einem Geburtstagsfest zufällig Nicole kennen. Die Chemie stimmte, aber Achim Müller musste die Erfahrung machen, dass es für manche Menschen gesellschaftliche Konventionen gibt, an denen sie festhalten. Und dazu gehören auch Vorgaben, wann es erst wieder schicklich ist, jemanden kennenzulernen und sein Leben mit dieser Person zu teilen. „Es bestehen Vorbehalte. Menschen meinen Spielregeln aufstellen zu müssen. Trauer ist aber etwas sehr Persönliches und drückt sich nicht in gesellschaftlichen Normen aus. Trauer zeigt sich nicht in schwarzer Kleidung oder dem Alleinbleiben“, sagt Achim Müller. Er stieß bei einigen Menschen in beiden Familien auf genau diese Vorbehalte, die sich im Verhalten und mittels Aussagen ausdrückten. Nicht jeder freute sich dafür, dass er ein neues Leben weiterlebte. „Ich erfuhr Unverständnis darüber, jemand kennengelernt zu haben. Nach zwei Monaten wieder ein Stück Glück zu erfahren, sollte mir nicht gegönnt sein, weil kulturelle Vorbehalte existieren. Der natürliche Umgang mit dem Tod fehlt in weiten Teilen unserer Gesellschaft“, sagt Achim Müller.


„Trauer ist etwas sehr persönliches und drückt sich nicht in gesellschaftlichen Normen aus“

Achim Müller, Witwer


Er ließ sich nicht auf die Ablehnung der anderen ein. Es gab verschiedene Brüche, die bis heute spürbar sind und mit denen er bewusst lebt. Erinnerungsmomente an seine Frau in seinem weiteren Leben zuzulassen, darüber mit seiner neuen Lebenspartnerin zu sprechen und auch die Trauer über den Verlust von Petra, die immer wieder aufkommt, zu akzeptieren, sind ihm in seinen Leben wichtig. Einen Lebensabschnitt aber nur in Trauer zu verbringen geht nicht, lautet seine Devise. „Und das hätte Petra auch nicht gewollt“, weiß er sicher. Und dann ist da noch der kleine Karton mit Dingen, die Petra wichtig waren. Irgendwann, hofft Achim Müller, ist er soweit, dass er ihn aufmachen kann und dann voller Freude an die Zeit denkt, die er mit Petra hatte. Eine Zeit, die ein wunderschöner Abschnitt in seinem Leben war, der leider zu Ende ging und ihn vor die Wahl stellte, weiter zu leben, wie es auch in Petras Sinn gewesen wäre und sich auf ein neues Hier und Jetzt einzulassen oder sich den Erwartungen der anderen zu beugen.