Was am Ende wirklich zählt

Abschied nehmen:Was am Ende wirklich zählt

Loslassen, versöhnen, die richtigen Worte zum Abschied finden. Die letzten Wochen und Tage des Lebens sind auch eine Chance, noch offene Dinge zu regeln und sich auszusprechen.

Wenn ein Mensch im Sterben liegt, dem Tod entgegengeht, braucht er Geborgenheit, liebe Worte und jemanden, der die Hand hält. Die Angehörigen können in Gesprächen schöne Erinnerungen wecken und ihr Herz öffnen. „Wenn man offen ist, ist es nicht schwer, die richtigen Worte zu finden“, weiß Dr. Georg Rupp, Psychologischer Psychotherapeut in Krefeld. „Auf keinen Fall darf es eine Abrechnung am Totenbett geben.“

Es spiele eine wichtige Rolle, wie der Mensch stirbt, erklärt Rupp. „Wenn der Angehörige plötzlich, beispielsweise bei einem Unfall, das Leben verliert, man also nicht mehr Abschied nehmen kann, ist die Situation sehr schwierig. Es bleibt keine Gelegenheit mehr, etwas mitzuteilen.“ Eine andere Frage lautet: „Wann beginnt Sterben, wann der Abschied? Mit der Diagnose, dass es keine Heilung mehr gibt?“

Wenn es auf das Ende des Lebens zugeht, seien es oft die kleinen Dinge, die wichtig werden, die plötzlich bewusst wahrgenommen würden wie ein warmer Frühlingstag oder ein schöner Sonnenaufgang.

Dank dem Sterbenden gegenüber ist sehr wichtig

Mit der einleitenden Frage: „Weißt Du noch?“ könne aus der Vergangenheit erzählt werden. Es gibt viele Dinge, die verbinden. Für eine Lebensbeichte über Lügen oder Affären ist es sowohl für den Sterbenden als auch die Angehörigen jetzt zu spät. Da wurde der Zeitpunkt verpasst. „Diese Beichten verletzen nur noch und helfen nicht bei der Bewältigung der Situation. Sie sind ein Stachel, der bleibt.“

Die letzten Gespräche geben aber wohl die Gelegenheit zu sagen, dass man sich mochte oder lieb gehabt hat. Rupp: „Der ganz persönliche Dank dem Sterbenden gegenüber ist sehr wichtig. Dass man erzählt und dankbar ist für das, was einem hilft im Leben. Sozusagen als Botschaft: Du hast ganz wichtige Spuren hinterlassen. Dein Leben hatte Sinn.“

Was am Ende des Lebens wirklich zähle, sei eine wichtige Frage. Wenn man mit dem Tod konfrontiert ist, geht es nicht mehr um Geld, Macht oder Ruhm, sondern um ganz fundamentale Fragen: Hat man ausreichend Zeit mit der Familie und den Freunden verbracht? Bereut man es, Dinge getan oder, noch wichtiger, unterlassen zu haben? War man glücklich?

Sterbende bis zu ihrem letzten Atemzug begleitet

Die Australierin Bronnie Ware hat mehrere Jahre lang Sterbende bis zu ihrem letzten Atemzug begleitet, ihnen genau zugehört und ein Buch über die Erfahrungen geschrieben: „Erstens: Die Sterbenden haben es bedauert, nicht ihr eigenes Leben gelebt zu haben. Sie bereuten es, sich nach den Erwartungen von anderen gerichtet zu haben. Zweitens: Die Sterbenden wünschten sich, dass sie nicht so viel gearbeitet hätten. Sie hätten sich lieber ihren Leidenschaften widmen sollen.

Drittens bereuten die Sterbenden, viel zu häufig eine Rolle in ihrem Leben gespielt und viel zu selten wahre Gefühle gezeigt zu haben. Dies führt dazu, dass sie ein mittelmäßiges Leben hatten. Viertens: Die Sterbenden geben an, dass sie gern mehr Zeit mit engen Freunden verbracht hätten. Fünftens und der letzte Punkt: Viele Sterbende bereuten es, kaum Freude in ihr Leben gelassen zu haben. Sie hätten sich selbst zu wenig gegönnt.“

Durch die derzeitige Corona-Pandemie mit ihren Abstands- und Hygieneregeln werde die Situation keineswegs leichter, sagt der Psychotherapeut. Was gehe, sei die Frage nach einem letzten Wunsch. Und was die Freude betrifft: „Es darf auch gelacht werden, in den letzten Tagen, im Hier und Jetzt. Jeder Tag ist eine Kostbarkeit“, erklärt Rupp.