Perspektiven der Forschung

Auftakt Engelsjahr - 200 Jahre Friedrich Engels:Perspektiven der Forschung

Die Bergische Universität und die Hans-Böckler-Stiftung veranstalten vom 3. bis 5. Juni eine Tagung zu Engels.

Von Heinz Sünker  

Der 200. Geburtstag von Friedrich Engels stellt aufgrund seines Werkes gesellschaftsanalytische Herausforderungen für Wissenschaften, Gewerkschaften und Politik dar. Dies vor allem angesichts der gesellschafts- und sozialpolitischen Entwicklungen nach dem Zerfall der staatskapitalistischen Systeme Mittel- und Osteuropas und dem weltweiten Aufstieg des Neoliberalismus. Das hat zu wesentlichen politischen Verschiebungen in Klassenlagen und Klassenstrategien geführt. Mit Engels ist dies erneut zu analysieren. 

Durch gesellschaftliche Spaltungen sind soziale Ungleichheiten wie vor 120 Jahren zubemerken sowie eine Verschlechterung der Arbeits- und Lebensqualität für die Mehrheit der Menschen. Daraus ergeben sich Probleme für Gewerkschaften, Politik und Gesellschaften, die viele Menschen angesichts des Ausbaus sozialstaatlicher Regelungen für überwunden hielten.

Engels Werk ist daher in diversen Bezügen heute historisch wie systematisch zu prüfen und gegebenenfalls zu nutzen; dies gilt in besonderem Maße für seine Studien in frühen Jahren zur arbeitenden Klasse in England und zur Kritik der Nationalökonomie.

1. Im Kontext der Arbeiten an der Marx-Engels-Gesamtausgabe kann das Verhältnis von Marx- und Engels analysiert und präziser als bislang bestimmt werden. Historisch interessant ist zudem die Frage, welche Eigenständigkeit seinen Arbeiten zukommt, wie Arbeitsteilungen, Schwerpunktsetzungen und Interessen im Verhältnis zwischen den beiden einzuschätzen sind.

2. Die Aktualität von Engels ist zu diskutieren angesichts von neu vorliegenden empirischen Forschungen zur Klassenstruktur entwickelter kapitalistischer Gesellschaften. Es stellt sich die Frage, was für Konsequenzen das für die Bildung einer Arbeiterklasse hat? Wie entwickeln Arbeiter ein politisches Bewusstsein? Fühlen sie sich überhaupt als Klasse? Arbeits- und Arbeitergeschichte bedürfen dabei nationaler, europäischer und globaler Perspektiven.

3. Für Gesellschafts- wie Sozialpolitik und Gewerkschaften stellt sich mindestens die Frage, ob und wie diese Forschungen zu Konsequenzen für ihre Arbeit führen. Hier bietet sich ein Vergleich zum Eingreifen von Engels (und Marx) in unterschiedlichen Phasen in Klassenbewegungen und deren Organisierung (Arbeiter-Internationale, SPD) an. Dies schließt auch die Frage nach der unterschiedlichen Rezeption von Engels in den verschiedenen Bewegungen, Parteien, bei Theoretikern und Praktikern ein.

Der für alle zugängliche Kongress wird eröffnet mit dem Vortrag des international renommierten Historikers Prof. Marcel van der Linden (Universität Amsterdam): „Die Lage der arbeitenden Klassen in Europa – und darüber hinaus“. Es folgen zwei Vorträge zur historischen Verortung der Studien von Engels und deren Relevanz für eine Gegenwartsanalyse.

Am zweiten Tag wird konkret nach Bedingungen von Arbeit und Arbeitsleben heute gefragt, ausgehend von der Frage von Klassenanalysen heute und in der Perspektive der Demokratisierung des ‚Wirtschaftslebens‘ (Mitbestimmung) in unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen: So geht es um „Prekäre Arbeitswelten“, „Migrantische Arbeitskämpfe“, „Frauen im Streik“, „Arbeitsprozess und Technikentwicklung“. Um 19.30 Uhr wird Paul Mason, einer der bekanntesten Intellektuellen Englands, im Auditorium Maximum (Campus Grifflenberg, Gebäude K) einen (simultan übersetzten) Vortrag zu „Engels und die Gegenwart“ halten.

Der dritte Tag ist Fragen von Gewerkschaftspolitik und ihren Perspektiven heute gewidmet – unter anderem wird Hans-Jürgen Urban (IG Metall Vorstandsmitglied) sprechen. In einem Abschlusspanel werden Reiner Hoffmann (DGB-Vorsitzender)und der frühere Generalsekretär des britischen TUC, John Monks) miteinander zum Thema „Gewerkschaften heute“ diskutieren.

DER AUTOR

Person Prof. Dr. Heinz Sünker ist Direktor des Centre for International Studies in Social Policy and Social Services an der Bergischen Universität Wuppertal. Er ist erreichbar über die E-Mail-Adresse suenker@uni-wuppertal.de

Engels als Person und seine Zeit

Der Bergische Geschichtsverein organisiert eine Tagung zu dem wichtigsten Wuppertaler Sohn.

So sah sich Engels selbst: Gemütlich in der Hängematte liegend und eine Zigarette rauchend. Foto: Stadt Wupperta
So sah sich Engels selbst: Gemütlich in der Hängematte liegend und eine Zigarette rauchend. Foto: Stadt Wupperta

Von Tanja Heil  

„Was ist der Engels am Marxismus?“ - dieser Frage widmet sich der Bergische Geschichtsverein in einer zweitätigen Tagung im Internationalen Evangelischen Tagungszentrum auf dem Heiligen Berg. Am 6. und 7. März gehen die Teilnehmer auf die Suche nach „Friedrich Engels – Neue historische Perspektiven“.

Prof. Stefan Gorißen, Vorsitzender der Wissenschaftlichen Kommission des Bergischen Geschichtsvereins, hat das Programm konzipiert und freut sich besonders, dass der bekannte Engels-Biograph Tristram Hunt für einen Vortrag nach Wuppertal kommt. Er spricht am Freitag, 6. März, abends auf Englisch über „The Old Londoners – Friedrich Engels and Karl Marx in Britain“.

„Dass Engelsso wenig gewürdigt wird, liegt auch an ihm selbst“, erklärt Gorißen. „Engels hat Marx immer in den Mittelpunkt gestellt.“ Dabei hätte es den Marxismus nach Meinung des Geschichtsprofessors ohne das literarische Können von Engels nicht geben können. „Marx schrieb oft sehr abstrakt und verquast.“

Drei Aspekte sollen in der Tagung des Bergischen Geschichtsvereins behandelt werden: Einmal die Rezeptionsgeschichte von Engels Schriften und seine Wirkungsgeschichte im historischen Kontext. Dann geht es um die Jugenderfahrung von Friedrich Engels sowie die Stimmung und Lebensumstände im 19. Jahrhundert, insbesondere im Bergischen Land. Außerdem soll Engels als Autor gewürdigt werden und insbesondere seine Beiträge als Ökonom, Historiker, Philosoph und Journalist.

14 Referate wird es dazu an den beiden Tagen geben. „Dass Tristram Hunt kommt, hat die Suche nach anderen Dozenten erleichtert“, sagt der Organisator. So beschäftigen sich die Dozenten mit der Gesellschaft der Frühindustrialisierung, dem Gegensatz zwischen reichem Wirtschaftsbürgertum und armen Arbeitern. Auch die von Engels oft angeprangerte pietistische Frömmelei wird thematisiert.

Die Tagung wird unterstützt von den Landschaftsverbänden Rheinland und Westfalen-Lippe sowie von der Jackstädt-Stiftung.
       

DETAILS

Termin Die Tagung findet am Freitag und Samstag, 6. und 7. März, statt.

Anmeldung Die zweitägige Tagung kostet 60 Euro (BGV-Mitglieder und Studierende 40 Euro) inklusive Verpflegung. Interessenten können sich per E-Mail anmelden: info@bgv-gesamtverein.de

Bildungspolitik und Demokratie

Die Vortragsserie Unital widmet sich den Auswirkungen von Engels’ Gedankengut damals und in der heutigen Zeit.

Friedrich Engels - überkommene Statue oder auch heute noch relevant für gesellschaftspolitische Diskussionen? Das diskutiert Unital. Foto: dpa
Friedrich Engels - überkommene Statue oder auch heute noch relevant für gesellschaftspolitische Diskussionen? Das diskutiert Unital. Foto: dpa

Auch dieses Jahr setzen FABU (Freunde und Alumni der Bergischen Universität) und Westdeutsche Zeitung ihre Vortragsserie von Professorinnen und Professoren der Bergischen Universität Wuppertal fort. Anlässlich des Jubiläumsjahrs steht natürlich Friedrich Engels im Zentrum. Alle Vorträge beginnen um 19.30 Uhr in der City-Kirche, Kirchplatz.

6 Februar: Professor Dr. Hans Frambach (Mikroökonomie und Geschichte des ökonomischen Denkens): Friedrich Engels und die ideengeschichtlichen Wurzeln der politischen Ökonomie

Im Mittelpunkt des Vortrags steht Friedrich Engels als vehementer Kritiker der so genannten Klassischen Nationalökonomie und als einer der Begründer des Kommunismus und Wegbereiter des Sozialismus. Es wird der Frage nachgespürt, auf welchen der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert im ökonomischen Denken vorherrschenden Theorien Engels seine Theorie aufbaute und welche keine Berücksichtigung fanden. Der Vortrag versteht sich als Beitrag zur Einordnung des Stellenwerts von Friedrich Engels in der politischen Ökonomie.

5. März: Professorin Dr. Kerstin Schneider (Finanzwissenschaft und Steuerlehre): Ungleichheit seit Friedrich Engels – Neue Antworten der Sozial- und Bildungspolitik auf alte Fragen

Friedrich Engelsbeklagt das soziale Elend seiner Zeit und den geringen Bildungsstand der Arbeiterschaft. Er beschreibt die Missstände und hält das kapitalistische System für nicht reformierbar. Heute, 200 Jahre nach Engels Geburt, gehören Bildungs- und Sozialpolitik zu den Grundpfeilern unserer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung. Dennoch ist die Sorge um steigende soziale Ungleichheit und Bildungsgerechtigkeit geblieben. Auch die Herausforderung durch Migration wird schon von Engels beschrieben. Haben wir also seit Engels nichts erreicht? Brauchen wir neue Antworten auf alte Fragen?

18.Juni: Professor Dr. Hans J. Lietzmann (Politikwissenschaft, Demokratie- und Partizipationsforschung): Friedrich Engels und die Demokratisierung der Gesellschaft

Friedrich Engels und seine Zeit diskutierten Fragen der Demokratie in engem Zusammenhang mit der sozialen Lage der Gesellschaft. Dennoch war diese Debatte eng verknüpft mit der entstehenden Demokratie in Preußen. Das Wechselspiel aus sozialem Elend, bürgerlicher Partizipation und autoritärer Monarchie bestimmte die Zeit besonders auch in den Städten des Wuppertals.

17. September: Professor Dr. Hans Immler, Kassel, und Professor Dr. Philipp Schepelmann (Wuppertal Institut, Abteilung Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik): Friedrich Engels im Anthropozän – Bietet der Sozialismus (k)eine nachhaltige Alternative?

Der Begriff Anthropozän bringt zum Ausdruck, dass der Mensch seit der Mitte des 20. Jahrhundert als ein erdgeschichtlich prägender Faktor in Erscheinung getreten ist. Bietet Engels Alternativen für einen nachhaltigen Umgang mit der Erde?

15. Oktober: Professor Dr. Hendrik Jürges (Gesundheitsökonomie und -management): Ungleichheit in Gesundheit - Seit Friedrich Engels bekannt, bis heute ungelöst.

Auch in Deutschland sind besser gebildete, reichere, und in der beruflichen Hierarchie höher stehende Menschen zeitlebens gesünder und leben länger als andere. Dabei ist Schon seit Friedrich Engels Ungleichheit in Gesundheit als sozialpolitisches Problem bekannt. In diesem Vortrag dokumentieren wir anhand ausgewählter Beispiele Ungleichheit in Gesundheit als historisches und aktuelles Phänomen. Dabei schlagen wir die Brücke von Engels bis heute und fragen uns, warum sich soziale Ungleichheit in Gesundheit scheinbar allen sozialpolitischen Versuchen sie zu bekämpfen entzieht.

19. November: Professorin Dr. Friederike Kuster (Praktische Philosophie und Philosophische Geschlechterforschung): Friedrich Engels und das Geschlechterverhältnis

In seiner Schrift „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ von 1884 analysiert Engels „die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts“. Diese Ungleichheit der Geschlechter ist nach Engels allerdings das Ergebnis einer historischen Entwicklungsstufe der Ökonomie und keine biologische Tatsache. Erst mit der Abschaffung des Privateigentums und mit der Anerkennung des weiblichen Beitrags zur Reproduktion der Gattung wird ein Verhältnis von Gleichheit möglich und die bürgerliche Idee der Geschlechterliebe realisierbar.