Was können Pappmöbel?

Bauen & Wohnen 2/2021

Was können Pappmöbel?

Möbel aus Pappe – was sich anhört wie ein leicht knickbares Provisorium hat längst seinen Platz in der Einrichtungswelt gefunden. Denn sie sprechen die eher noch mobile junge Zielgruppe an.

Gerade für Kinderzimmer oder Kindergärten finden sich Möbel aus Pappe im Handel. Hier ein Beispiel von Papercomb. Foto: Papercomb/dpa-tmn

Sie sind ein Nischenprodukt, aber keines, das sich auch in einer Nische verstecken müsste: Möbel aus Pappe. Sie haben sich vom Provisorium zum vollwertigen Einrichtungsprodukt gemausert. Von Betten über Regale bis hin zu Tischen und Lampen findet sich vor allem online eine große Auswahl von Pappmöbeln – und die sehen eigentlich aus wie vergleichbare Möbel aus anderen Baustoffen.

„Pappmöbel haben vor allem jüngere Fans“, sagt die Einrichtungsexpertin Gabriela Kaiser aus Landsberg am Lech (Bayern). Denn während ältere Menschen häufig mehr Wert auf Polster und Komfort legen, hat bei der jungen Zielgruppe die Flexibilität Priorität. Besonders wenn man noch Umzüge vor sich habe, profitiere man von dem schnellen Auf- und Abbau sowie dem leichten Transport, sagt Kaiser.

Doch es gebe da noch auch eine weitere, gerade stark wachsende Zielgruppe – die umweltbewusst ist und den Fokus auf Nachhaltigkeit legt, sagt Ursula Geismann, Geschäftsführerin der Initiative Furnier + Natur. In Kombination mit dem minimalistischen Design träfen Pappmöbel damit den Zeitgeist.


Individuelles Design


Auch der Trendforscher Frank A. Reinhardt sieht das so. Zwar sagt er: „Ich verbinde Pappkartons vor allem mit Umzug und Stress.“ Doch wenn diese Assoziation durch ein „pfiffiges, individuelles Design“ aufgelöst werde, können Pappmöbel „ein Statement für eine mobile und nachhaltige Gesellschaft“ sein.

Individuell sind gerade die Kindermöbel aus Pappe, die häufig für Kindergärten angeboten werden – aber natürlich daher auch im Kinderzimmer Platz finden können. Sie lassen sich teils ganz nach dem eigenen Geschmack verändern – sie lassen sich bemalen, bekleben und tapezieren. Von Vorteil für die Kleinen: Das geringe Gewicht nimmt den Möbeln eine potenzielle Verletzungsgefahr, sagt Thomas Wyschkon, Geschäftsführer des Herstellers Papercomb.

Doch halten die Möbel das Toben der Kinder und das Gewicht Erwachsener überhaupt aus? „Konstruktionen aus Wellpappe werden auch im Bereich der Schwertransporte verwendet und sind für eine hohe Belastung geeignet“, erklärt der Gründer vom Hersteller Room in a Box, Gerald Dissen. Durch die mehrschichtige Wabenstruktur verteilt sich das Gewicht gleichmäßig, wodurch ein leichter Karton schweres Gewicht aushält.

Sechs bis zehn Jahre Lebensdauer möglich

„Wellpappenkonstruktionen sind sehr stabil“, sagt auch die Möbelexpertin Ursula Geismann. Ein klassisches Bett ist für 150 bis 200 Kilogramm ausgelegt. Fliehkraft-Tests haben Geismann zufolge gezeigt, selbst wenn man sich mit Schwung auf ein Pappbett schmeißen würde, die meisten bis zu 1000 Kilogramm aushalten.

Und je nach Qualität haben Pappmöbel eine Lebensdauer zwischen sechs und zehn Jahren. „Natürlich kommt es darauf an, wie man damit umgeht und ob beispielsweise ein Haustier die Möbel anknabbert“, sagt Geismann.

Pappmöbel lassen sich dank durchdachtem Design sowie Falt- und Stanztechnik ohne weitere Montageteile wie Schrauben und Kleber zusammenbauen – auch dies ist nachhaltig. Je nach Hersteller werden Pappmöbel zudem aus 75 bis 95 Prozent Recyclingpapier hergestellt – ebenfalls ein Umweltplus.

Im Anschluss recyceln

Haben die Möbel dann doch einmal ausgedient, können sie oft im Altpapier entsorgt und somit in den Kreislauf zurückgeführt werden. „Eine fachgerechte Entsorgung ist für den Nachhaltigkeitsaspekt entscheidend“, betont Design-Journalist Frank A. Reinhardt.

Damit die Möbel ein langes Leben haben, ist es wichtig, sie von Wasser, aber auch von Feuer fernzuhalten. Vera Kraft