Apfel in Wolfsburg

Fahrspaß 09/2019:Apfel in Wolfsburg

Nach dem Dieselskandal stellt sich VW neu auf. Ein frisches Logo markiert die Transformation zu einem digitalen Konzern, der die Elektromobilität vorantreibt. Ein erstes Resultat dieser Strategie „Transform 2025+“ ist der ID.3, dessen Innenraum zum ersten Mal unverhüllt präsentiert wurde.

Im Oktober 2015 befand sich der einst so stolze Volkswagen-Konzern in einer Schockstarre. Die Dieselgate-Affäre aufgrund der manipulierten Abgaswerte hatte die Führungsspitze um den allmächtigen Konzernchef Martin Winterkorn weggespült. Europas größter Autobauer taumelte auf den Abgrund zu. Ein Neuanfang musste her. Um den zu gestalten, versammelte sich ein eingeschworenes Team um den damaligen VW-Markenchef Herbert Diess und den jetzigen Audi-Boss Bram Schot. Die Truppe lässt keinen Unternehmensstein auf dem anderen, schlachtet heilige Unternehmenskühe und entwirft den Dreistufenplan „Transform 2025+“, der Volkswagen dauerhaft an die Spitze der Autobauer etablieren soll.

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Die erste Phase, die hauptsächlich auf einer SUV-Offensive und einer Regionalisierung der Marke mit mehr Verantwortung der jeweiligen Mitarbeiter setzt, ist im vollen Gange. Bis 2025 wird VW über 30 SUVs auf dem Markt bringen, dann wird jedes zweite Volkswagen-Modell ein Crossover sein. Außerdem werden Modellvielfalt und Komplexität reduziert, da weniger Motoren-Getriebe-Varianten gebaut werden. Erste Erfolge sind sichtbar: Ende 2018 betrug die Rendite vier Prozent (ehemals 1,8 Prozent), bis 2022 sollen es sechs Prozent sein – das wäre drei Jahre früher als geplant.

Ralf Brandstetter
Ralf Brandstetter
Jürgen Stackmann
Jürgen Stackmann
Klaus Bischoff
Klaus Bischoff

Jetzt läuft die zweite Phase unter dem Titel „New Volkswagen“ an, die auf der Frankfurter IAA erstmals dem breiten Publikum präsentiert wird. Die Ziele sind hochgesteckt: VW will bis 2025 Weltmarktführer bei der Elektromobilität werden und pro Jahr eine Million Autos verkaufen. Die Basis ist der MEBBaukasten (Modulare E-Antriebsbaukasten), auf dem insgesamt rund 15 Millionen VW-Elektrofahrtzeuge basieren werden. Den Anfang macht der VW D.3, mehr als 20 weitere sollen folgen, darunter vermutlich auch ein elektrisches SUV, das ab 2022 im US-Werk Chattanooga vom Band läuft. Den Boden für dieses Modell werden Autos, wie der I.D Crozz bereiten, der schon nächstes Jahr in den USA angeboten werden soll. Der MEB gibt das her. „Die Zahl Drei steht beim ID.3 für das Kompakt-Segment, darüber gibt es noch einige Zahlen“, schmunzelt der Chief Operating Officer der Marke Volkswagen, Ralf Brandstetter.

Die Autos zu bauen, ist eine Sache, sie an den Mann zu bringen, eine andere. Deswegen hat VW auch ein komplett neues Ökosystem aufgesetzt, dass sich an erfolgreichen Unternehmen, wie Apple orientiert. „VW soll sich anfühlen, wie ein Tech-Konzern“, sagt Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann.

Eine neue Vertriebsstruktur

Um den Vorbildern aus dem Silicon Valley nachzueifern, wird ab dem 1. April 2020 eine neue Vertriebsstruktur eingeführt. Elementarer Baustein des „Future Sales Plan“ ist, dass der Kunde jederzeit Kontakt mit dem Autobauer haben kann. Das geschieht über Online-Plattformen oder, wenn gewünscht, ganz klassisch über den Vertragshändler. Wie bei Apple & Co. bekommt der Kunde eine ID – also Identifikation, mit der er alles rund um VW erledigen kann. Wann, wie und wo er will. Die Händler bleiben ein wesentlicher Bestandteil der neuen Vertriebswege, aber VW wird auch über Online Verkäufe direkt mit den Kunden in Kontakt treten. Anstelle einer stringenten Abfolge, die im Grunde aus bestellen, bezahlen, fahren besteht, wird ein sogenannte 360 Grad-Rundum-Ansatz treten, der dem Käufer alle Möglichkeiten gibt. Das erfordert eine grundlegende Umstellung der Vertriebskanäle, „Nicht mehr die Fahrgestellnummer steht im Zentrum unseres Handelns, sondern der Kunde. Dennoch bleibt der Autohändler ein wichtiger Berührungspunkt zum Kunden“; fasst Jürgen Stackmann zusammen. Das hört nicht mit dem Erwerb des Automobils auf. Das VW-Ökosystem wird den Autofahrer auch danach begleiten und ihm immer wieder maßgeschneiderte Lösungen anbieten. Dazu gehört natürlich auch ein vernetztes Fahrzeug, wie es der ID.3 oder auch der Golf VIII sein werden. Die technische Basis für die Vernetzung von Automobil, Kunde und Handel bietet die „One Digital Plattform“, bei der alle Angebote rund um das Autofahren gebündelt und via Cloud für den Menschen greifbar gemacht werden. Ein wichtiges Portal „Volkswagen We“, ein App- und Servicestore für den Kunden. Der Anfang ist gemacht: Bereits 27.000 Autofahrer haben einen ID.3 bestellt. Bis zur IAA sollen es 30.000 sein.

Neues modernes zweidimensionales VW Logo

Sichtbares Zeichen der Transformation ist das neue zweidimensionale VW Logo, das auf der Front des ID.3 und des Golf VIII prangen wird. Nicht mehr plastisch und optisch schwer, sondern leichtfüßig und modern. „Wir haben gesehen, dass das alte Logo nicht zum ID.3 passt“, erzählt Chef-Designer Klaus Bischoff. Damit einher geht eine neue Schrift, mit Hellblau eine weitere Farbe, die den Markenauftritt definiert und das Ende der festen Platzierung des Logos unten rechts bei jeder Werbeanzeige. Die VW-Stimme ist nicht mehr männlich, sondern die von Luise Helm, der Synchronsprecherin der amerikanischen Schauspielerin Scarlett Johansson.

Die Leichtigkeit dieses neuen Auftritts zeigt sich beim ID.3 und dessen Innenraum, der die Platzverhältnisse eines Passats bietet. Zum Beispiel ist die Instrumententafel etwa 150 Millimeter weiter von den Insassen entfernt, als das bei normalen Autos der Fall ist. Der gewonnene Stauraum wird zum Beispiel zwischen den Sitzen genutzt. Im Zentrum steht das mittige Display, das wie ein iPad als Kommandozentrale dient. Das Cockpit ist ebenfalls digital und hinter dem Lenkrad befindet sich rechts ein großer Automatik-Hebel, der einfach zu bedienen ist: Nach vorne drehen – losfahren, nach hinten drehen – rückwärts.

Das neue Head-up-Display bietet „Augmented Reality“ und projiziert die Anzeigen scheinbar auf die Straße. Der VW ID.3 erkennt auch den Fahrer, sobald er sich nähert, anhand des Smartphones beziehungsweise des Schlüssels und die Lichter werden ihn wie Augen anblicken. Auch eine Form der Kundenbindung. Wolfgang Gomoll; press-inform