Spanish Eyes

Fahrspaß 5/2020:Spanish Eyes

Diese Augen, dieser Blick, diese Front – man muss kein Fan des Schlagers „Spanish Eyes” sein, um sich in die Front des neuen Seat Leon zu vergucken. Wieder einmal ist der Leon der schönere Golf – und das liegt nicht nur an seinem Gesicht.

Als ob der Wettbewerb in der Kompaktklasse in den vergangenen 30 Jahren nicht schon hart genug gewesen wäre: Golf, Astra, Focus und Co. können sich in den nächsten Jahren auf einiges vorbereiten. Denn längst hat die nicht enden wollende SUV-Welle auch die europäischen Kompaktmodelle komplett durcheinander gewürfelt. Immer mehr Kunden wenden sich von bestens bekannten Schräghecktugenden ab und steigen um in die SUV-Liga. Dabei ist die aktuelle Kompaktklasse besser und nicht zuletzt schärfer den je. Alle haben die Augen auf den Klassenprimus VW Golf; wer etwas auf sich hält, steigt in die Premium-Kompaktklassemodelle wie Audi A3, Mercedes A-Klasse oder BMW 1er. Und wer sich mit modernster Technik oder beim Styling abheben will, wählt den lässigen Spanier namens Seat Leon.

Optischer Volltreffer

Technisch ist der Seat Leon, auf dem modularen Querbaukasten basierend, ein VW Golf und optisch ein echter Volltreffer. Trotzdem ist es ungewöhnlich, dass der Frau auf dem Parkplatz des Supermarktes im Frankfurter Nordwesten beinahe die Augen herausfallen, als diese den neuen Leon erblickt. “Guck’ mal – der neue Leon sieht echt scharf aus – noch besser als der alte”, redet sie auf ihren vermeintlichen Lebensgefährten ein, der sich darum nicht weiter schert. Hört sich an, wie aus seiner allzu schlechten Fernsehwerbung oder einer miesen Marketingbroschüre der späten 80er Jahre; doch es gibt augenscheinlich noch Leute, die Spaß an einem Kompaktklassemodell wie dem Spanier haben.

Der Druck auf den spanischen VW-Ableger ist groß. Der Leon muss sitzen; sonst steht vielleicht sogar die Zukunft der ganzen Marke auf dem Spiel. Von den ersten drei Generationen sind seit Ende der 90er Jahre weltweit 2,2 Millionen Fahrzeuge verkauft worden, sagt Seat-Finanzvorstand Carsten Isensee. Einmal mehr hat Chefdesigner Alejandro Mesonero-Romanos einen beeindruckenden Kreativjob gemacht, und das dürfte nicht nur Bestandskunden des Hauses ins Auge fallen. Dabei ist es kaum zu erkennen, dass die vierte Leon-Generation um mehr als acht Zentimeter auf 4,37 Meter gewachsen ist. Kaum messbar sind dagegen die Unterschiede bei Breite, Höhe, Radstand und dem Gepäckvolumen von 380 Litern. Deutlich größer sind die Unterschiede im Innern, denn hier gibt es animierte Instrumente, an deren unterschiedliche Darstellungsweisen und Bedienung über die Lenkradtasten man sich erst einmal gewöhnen muss. Gut im Blick und einfacher zu bedienen ist das zehn Zoll große Infodisplay in der Mitte der Armaturentafel, wo sich die meisten Fahrzeugfunktionen mit etwas Eingewöhnung bestens bedienen lassen. Die Druckknöpfe von einst haben derweil ausgedient. Was geblieben ist, sind das ordentliche Platzangebot und die wohl konturierten Sitze, die es in der FR-Version ebenso wie einige andere Details serienmäßig gibt.

Der 1.361 Kilogramm schwere Seat Leon ist kein kleines Auto, und so sollte man die Motoren nicht überfordern. Die beste Wahl ist aktuell der 1,5 Liter große Turbobenziner, der mit seinen vier Zylindern unter Last zwar kein Hörgenuss ist, aber nicht nur 110 kW / 150 PS leistet, sondern im Teillastbetrieb auch über eine Zylinderabschaltung verfügt, die den Verbrauch reduziert. Wer mit weniger zufrieden ist, für den könnten auch die beiden Leon-Einstiegsvarianten mit 115 PS (2,0 TDI und 1.0 TS) etwas sein. Besser ist allemal die Nummer größer mit 150 Pferden, die aus dem Stand in 8,4 Sekunden auf Tempo 100 spurtet, sich ab Tempo 170 jedoch überraschend schwer tut. Schließlich liegt die Maximalgeschwindigkeit bei stattlichen 221 km/h. Der Normverbrauch: 5,8 Liter Super. Mit seinem serienmäßigen Sportfahrwerk ist der Seat Leon 1.5 TSI recht stramm unterwegs, und es ist fraglich, wie viele sich für die 815 Euro teure adaptive Dämpferabstimmung entscheiden. Dafür, dass genügend Restkomfort vorhanden ist, sorgt der 17-Zoll-Radsatz mit Reifen im Format 225/45. Besonders gefallen kann die Vorderachse, denn gerade im Vergleich zu seinem Vorgänger lenkt der Spanier präzise ein und kann sein Motorgewicht des 1,5 Liter großen Vierzylinders geschickt überspielen. Das Heck zeigt sich auch im Grenzbereich ruhig, wenn man es flotter angehen lasst.

Gutes Gesamtpaket

Gute Noten gibt es nicht nur für die stramme Abstimmung von Federn und Dämpfern, sondern auch für das siebenstufige Doppelkupplungsgetriebe, das einem keinen Gedanken daran verschwenden lässt, jemals wieder manuell Gänge einlegen zu wollen. Wer es ambitionierter will, schaltet über den Wählhebel am Mitteltunnel ins Sportprogramm oder wählt über den Touchscreen das sportliche Fahrprogramm an und schärft den Leon so nochmals nennenswert nach. Wer komplett auf die Sporteinstellungen setzt, nimmt Motoreletronik und Gesamtpaket jedoch einiges von Lässigkeit und Souveränität, denn der sportlichste aller Modi wirkt dann allzu angestrengt.

Vielmehr sollten sich die Kunden darüber freuen, dass der spanische Löwe bei den Fahrerassistenzsystemen aus dem prall gefüllten Regal des Volkswagen-Konzerns schöpfen kann. So gibt es unter anderem Assistenten für Notbremsung, Abstand, Spurhalten oder Tempo. Das Warnlicht des Totwinkel-Assistenten ist dabei geschickt nahezu unsichtbar in der Lichtleiste der Ambiente-Beleuchtung untergebracht und blinkt gelb, wenn Gefahr von hinten droht. So viel Schönheit und Technik haben ihren Preis – leider. Der Seat Leon 1.5 TSI in der FR-Variante kostet bereits 29.050 Euro. Mit sinnvollen Extras wie LED-Licht, Ladebox für das Smartphone, Alarmanlage und Fahrerassistenzpaket liegt man schnell bei knapp 35.000 Euro. Stefan Grundhoff; press inform

VERBRAUCHSANGABEN Seat Leon 1.5 TSI: 5,8 Liter / 132 g CO2