Familienfreund

Fahrspaß :Familienfreund

Die Skoda Octavia Limousine führt im Vergleich zum beliebten Kombi in Deutschland ein Schattendasein. Dennoch überzeugt auch dieser Wagen mit einer guten Verarbeitung und einem ansprechenden Design.

Limousinen hängt oft der Muff der Siebziger- und Achtzigerjahre an. Wer denkt nicht mit Grauen an die heißen Sommertage, als man sich auf der Rückbank einer biederen Familienschaukel mit Tausenden anderen Sonnensüchtigen in Richtung Teutonengrill in den Urlaub quälte. Klimaanlage? Fehlanzeige. Nicht unbedingt das beste Image für eine Fahrzeuggattung. Kombis sind praktischer und Coupés sportlicher, aber Limousinen? Bitte nicht, rät der automobile Zeitgeist. Doch diese Vorurteile kann man mittlerweile getrost in die Tonne treten.

Der Tscheche kann sich außen wie innen sehen lassen.

Die Klassiker unter den Fahrzeuggattungen sind mittlerweile optisch deutlich ansehnlicher als die Vertreter des traditionellen Drei-Schachteln-Designs. Autos, wie der aktuelle Skoda Octavia haben eher ein Fließheck als eine klassische Box. Der Tscheche kann sich außen wie innen sehen lassen. Allerdings bringt die sportlichere Silhouette auch einen Nachteil mit sich, da die Sicht nach hinten durch das kleinere Rückfenster und die C-Säulen eingeschränkt ist. Da hilft es, wenn man die Rückfahrkamera geordert hat. Sie ist neben dem nützlichen LED-Matrixscheinwerfer Bestandteil des Pakets „Parken und Licht“, das aktuell 1.375 Euro extra kostet.

Das Infotainment mit dem zehn Zoll großen Infotainment-Touchscreen überzeugt uns. Auch, weil die Tschechen ihren eigenen Kopf haben und nicht jeden Bedienungsweg der Konzernmutter in Wolfsburg mitgehen. Die Handhabung der Systeme mit Hilfe der Benutzeroberfläche und der Apps, die als Kacheln angeordnet sind, geht nach kurzer Eingewöhnungszeit entspannt von der Hand. Manchmal muss man sich durch ein paar Menüs klicken, aber die Einstellungen sind den passenden Stichworten zugeordnet. Gut ist, dass man meistens auch ohne die Touch-Schiebregler auskommen kann. Unser Tipp: Die Temperatur einmal in der Klimaautomatik per Touchscreen einstellen und die Lautstärke der Soundanlage über die Fernbedienung am Lenkrad regeln – wobei das Volant allerdings ordentlich bestückt ist.

Ein Vorteil dieser Knopf- und Bedienelemente-Vielfalt ist, dass man einiges erledigen kann, ohne die Hände vom Lenkrad zu nehmen: zum Beispiel die Konfiguration des 10,2 Zoll großen virtuelle Cockpits. Beim Octavia gibt es jetzt auch erstmals ein Head Up Display, das auch Navigations-Informationen liefert. Neben dem bereits erwähnten Voll-Matrix-LED-Licht bietet der neue Skoda Octavia auch als Limousine einige nützliche Helfer. Die autonomen Fahrhelfer werden im „Travel Assist“ gebündelt, was vor allem beim Stau hilft, indem der Octavia selbstständig bremst, anfährt und die Spur hält. Die Technik achtet beim Linksabbiegen auf Gegenverkehr und behält auch Fahrradfahrer, die am Fahrzeug vorbeihuschen wollen, im Blick. Ordert man hintere Seitenairbags, bedingt das den „Proaktiven Insassenschutz“ und der kostet dann 429 Euro. Diese Investition lohnt sich auf alle Fälle, da neben den zusätzlichen Luftsäcken im Falle einer drohenden Kollision die Gurte auf den Vordersitzen gestrafft werden.

Der 1.5 Liter TSI-Motor liefert 110 kW / 150 PS ab und kommt mit dem rund 1,5 Tonnen schweren Octavia grundsätzlich gut zurecht. Nach 8,2 Sekunden sind 100 km/h erreicht, und mit maximal 230 km/h ist man definitiv flott genug unterwegs. Der Norm-Verbrauch von 4,7 Litern pro 100 Kilometern bietet ebenfalls keinen Anlass zur Klage, auch wenn der Realverbrauch bei der ersten Testfahrt um 1,5 l/100 km höher lag. Besonders feinfühlige Fahrdynamiker werden das geringere Gewicht des Benziners auf der Vorderachse und die gelungene Spreizung der Fahrmodi bemerken. Egal ob, „Eco“, „Comfort“, „Normal“, „Sport“ oder „Individual“, die Abstimmung des Fahrwerks ist nie ungemütlich straff. Der Skoda Octavia ist und bleibt in erster Linie ein Familienauto – vor allem als Limousine. Am dynamischsten agiert der Tscheche bei der Einstellung „Sport“. Aber selbst die unmittelbarere Gasannahme kann die Schwäche im unteren Drehzahlbereich nicht gänzlich kaschieren. Hier dürfte eine zukünftige Mildhybridisierung inklusive Boost-Unterstützung die Abhilfe schaffen, wie man es in anderen Konzernmodellen kennt.

Bei der Verarbeitung und dem Platz hat uns auch dieser Skoda überzeugt. Mit einer Länge von 4,69 Metern hat man auf allen Sitzgelegenheiten genug Bewegungsfreiheit, und der Kofferraum erreicht mit einem Fassungsvermögen von 600 bis 1.555 Litern nicht ganz das Volumen des Combis (640 bis 1.700 Liter), aber man kann einige Utensilien verstauen. Bleibt zum Schluss noch der Preis: Der Basispreis für die Skoda Octavia Limousine mit der „Style“ Ausstattung beträgt laut Preisliste 29.000 Euro. Wenn man die Tschechen etwas aufrüstet, werden schnell 32.000 Euro und mehr daraus. Wolfgang Gomoll; press-inform

Verbrauchsangaben: CO2-Ausstoß (g/km): 109; Abgasnorm: Euro 6d temp


Wenn Designer Regisseure werden

Mercedes präsentierte auf der Computermesse CES die Vision eines automobilen Avatars. In Vegas rollte der AVTR lautlos über die Bühne. Wir haben den Test gemacht, wie sich der Avatar – elektrisch angetrieben – in der Realität fährt.

Wie alle anderen hatte sich Daimler die Präsentation seiner spektakulären Zukunftsstudie des Mercedes Vision AVTR im Januar 2020 anders vorgestellt. Als kaum jemand ahnte, was da in Sachen Corona Virus auf einen zukommen sollte, war die abgedrehte Zukunftsstudie der strahlend helle Stern auf der wichtigsten Computermesse CES im amerikanischen Spielerparadies Las Vegas. Dabei hatte es die Vision AVTR trotz ihres abgefahrenen Designs nicht einfach. Zum einen, weil der Animationsfilm Avatar bereits im Jahre 2009 veröffentlicht wurde und die Nachfolgefilme noch länger auf sich warten lassen. Trotzdem ist der Film von Regisseur James Cameron vielen Cineasten noch heute präsent im Gedächtnis: Gilt er doch nach wie vor als das Maß der Dinge, wenn es um die Darstellung einer virtuellen Zukunft geht. Wie kein anderer Film vor ihm fusionierte der Hollywood-Streifen vor mehr als einer Dekade Realität und Fiktion in einer visionären Pandora miteinander. Zudem wurde der fast drei Stunden lange Kinostreifen mit einem Einspielergebnis von knapp 2,8 Milliarden US-Dollar zum erfolgreichsten Kinoprojekt aller Zeiten. Größer denn je sind die Erwartungen an den zweiten Teil und die zeitgleich produzierten Nachfolger, die derzeit unter der erneuten Führung von Cameron entstehen. Und dann kam die Pandemie, die auch den geplanten Auftritten des AVTR einen Strich durch die Rechnung machte.

Zukunftsmodell mit Licht und Lümmelsofa

Erst jetzt gab es die Möglichkeit, in der heißen Glaskuppel auf Rädern Platz zu nehmen und eine kleine Strecke mit dem Zukunftsmodell zurückzulegen. Das spektakuläre Design hat von seiner Faszination in dem halben Jahr nichts verloren – im Gegenteil. In dem abgelegenen Flugzeughangar wirkt der solitär illuminierte Innenraum noch geheimnisvoller als auf der CES-Bühne in Vegas. Dabei schimmern nicht nur der Innenraum und Radelemente bläulich, sondern auch die schmalen LED-Signaturen an Front und Heck lassen das Elektrofahrzeug wie eine Zeitmaschine erscheinen. Verstärkt wird das noch durch die offenen Rückenkiemen, die nicht nur einzeln illuminiert sind, sondern im Rhythmus der Fahrt voll beweglich sind.

Genug des erneuten Showauftritts im Innern des Hangars. Es geht heraus auf die Teststrecke. Die großen Glasflächen sorgen dafür, dass selbst bei Temperaturen von kaum mehr als 20 Grad schneller als gewünscht im Innern der Schweiß rinnt. Davon war in dem alten Flugzeughangar nichts zu spüren. Die Schattenkulisse hinter den tonnenschweren Stahltoren sorgte nicht nur für spektakuläre Lichteffekte, sondern auch für eine angenehme Umgebungstemperatur. Der helle Fahrersitz ist mehr Liegefläche oder Lümmelsofa denn eine Sitzgelegenheit in einem Fahrzeug. Die Stühle des Zukunfts-Mercedes bestehen aus einem veganen Kunstleder, während der Boden mit dem Rattanholz Karuun ausgelegt wurde, das besonders schnell nachwächst. Überhaupt hat der Mercedes Vision AVTR nicht viel mit einem Auto gemein, sondern mutet eher wie eine fliegende Untertasse an. Kein Lenkrad, kein Cockpit, sondern nur eine mächtige Darstellungsfläche, die sich wie eine Leinwand durch den Innenraum zieht. Touchdisplays oder gar Tasten gehören in dem visionären Zukunftsmodell einer längst vergessenen Historie an. Wer die rechte Hand erhebt, bekommt eine Projektion in die Handfläche, mit der sich die einzelnen Menüpunkte der Bedienung ansteuern lassen.

Ähnlich sieht es mit dem Vortrieb aus. Gaspedal, Bremse oder Lenkung sind auch hier weiter denn je in einer fernen Galaxie verschwunden. Gesteuert wird mit einem knubbeligen Handflächenschmeichler, der auf Knopfdruck aus der Mittelkonsole herausfährt. Den Joystick mit der ganzen Handfläche leicht nach vorne drücken und schon setzt sich das zwei Tonnen schwere Ufo nahezu lautlos in Bewegung. Zum Bremsen zieht man den Knubbel wieder zurück zur Mitte oder gar nach hinten, wenn es rückwärts gehen soll. Der AVTR zuckelt mit seinem Elektroantrieb flott los und macht dabei überraschend schnell Meter auf dem Testparcours. Angetrieben wird der Mercedes Vision AVTR dabei von vier radnahen Elektromotoren, die zusammen 350 Kilowatt an Leistung bringen. Jedes Rad kann entsprechend der Fahrsituation separat angetrieben werden, wodurch sich die Studie um bis zu 30 Grad im Krebsgang seitwärts fortbewegen kann. Mit dem Steuern nach links und rechts heißt es jedoch feinfühlig sein, denn allzu schnell ist man in den Krabbenmodus gerutscht, ohne es zu wollen.

Krebsgang inklusive

Die echte Schau des Vision AVTR ist, dass er nicht nur nach vorn oder zurück fahren und lenken kann, sondern auch den Krebsgang zur Seite perfekt beherrscht. Leicht das Steuermodul zur Seite gekippelt und das Fahrzeug aus einer fernen Zukunft stellt seine Räder an und krabbelt seitlich. Das macht mehr Laune, als nur nach vorn zu fahren. Auf einem Stück Freifläche lässt man den AVTR etwas flotter seitlich auskeilen und träumt von einer automobilen Welt in einem fernen Avatarzeitalter, bis einem die spärliche Sonne zusetzt und die Temperatur in der mobilen Glaskuppel schneller als gewünscht nach oben drückt. Noch sind in dem Einzelstück normale Batteriezellen verbaut. Dabei soll das Fahrzeug einen Ausblick geben auf eine neue Batterietechnologie, die auf einer organischen Zellchemie basiert und damit frei von seltenen Erden und Metallen ist. Die Materialien der Batterie selbst sind kompostierbar und damit vollständig recycelbar. Noch reine Zukunftsmusik – wie sollte es bei einem Avatar anders sein? Auch wenn alle Hauptrollen vergeben scheinen - genug Zeit dürfte noch sein, damit der Vision AVTR zumindest eine kleine Rolle in einem der kommenden Avatar-Filme bekommt. Stefan Grundhoff; press-inform