Knappes Getreide: Bäcker denken weiter

Handwerk in Wuppertal

Knappes Getreide: Bäcker denken weiter

Bäcker-Innung

Die Versorgung mit Brot und Gebäck im Tal ist derzeit gewährleistet. Dirk Polick, Obermeister der Bäcker-Innung Solingen-Wuppertal, sieht keinen Grund zu unnötiger Panikmache und appelliert ebenfalls, Hamsterkäufe zu unterlassen. Archivfoto: Anna Schwartz

Angesichts jüngster Meldungen zu stark steigenden Lebensmittel- und Brotpreisen mahnt Obermeister Dirk Polick zur Besonnenheit.

Knackig, kross und knusprig: Brot und Brötchen gehören für die meisten Wuppertaler nicht nur zum Frühstück dazu. Doch Backwaren könnten in Zukunft teurer werden, warnten Deutschlands Landwirte jetzt angesichts des Ukraine-Krieges: Man rechne mit „Preissprüngen in bisher ungekanntem Ausmaß“ bei Lebensmitteln.

Während sogar schon davon die Rede ist, der Brotpreis könnte sich verdoppeln und auf bis zu zehn Euro klettern, mahnt Dirk Polick, Obermeister der Bäcker-Innung Solingen-Wuppertal, zur Besonnenheit. „Es bringt absolut nichts, jetzt in Panik zu verfallen.“

Policks Backstube

Polick sieht derzeit kein Indiz dafür, dass es tatsächlich zu einer Verdopplung des Brotpreises kommen könnte. Und auch Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied wollte diese Zahlen zunächst nicht bestätigen. „Ich würde die Preiserhöhung bei Brot geringer sehen“, sagte er. Konkrete Angaben wären aber „unseriös“.

Gleichwohl belasten die gestiegenen Energiepreise auch die Innungsbetriebe des bergischen Bäckerhandwerks.


„Man sollte flexibel reagieren — sich vielleicht sogar von einigen Sachen verabschieden und neue Wege gehen.“


Dass der Ukraine-Krieg auf die hiesige Situation Einfluss nehmen würde, hatte Polick bereits vor Wochen prognostiziert: „Vieles lässt sich anhand der Börsenentwicklungen auf dem Weltmarkt erahnen - eine Vielzahl der Rohstoffe ist stark im Preis gestiegen.“

Zur aktuellen Diskussion sagt der Obermeister: „Wir werden die Situation natürlich weiter aufmerksam beobachten und schauen, ob und wie wir reagieren müssen.“

Innovation und neue Ideen fürs Bergische

Aktuell wolle man die Verunsicherung nicht noch vergrößern: „Es geht ja auch um unser Handwerk – ich denke, dass wir da ausgesprochen sensibel agieren und realistisch bleiben sollten.“ Kurzschlussreaktionen nützten niemandem. „Und selbst wenn wir uns womöglich sogar auf Einschränkungen oder Verknappungen einstellen müssen – dann muss man eben flexibel reagieren. Sich vielleicht sogar von einigen Sachen verabschieden und neue Wege gehen.“

Ob sie nun Brötchen, Semmeln oder Schrippen genannt werden: Gegessen werden sie in vielen Varianten und nicht nur zum Frühstück gern. Archivfoto: Christin Klose/dpa-tmn
Ob sie nun Brötchen, Semmeln oder Schrippen genannt werden: Gegessen werden sie in vielen Varianten und nicht nur zum Frühstück gern. Archivfoto: Christin Klose/dpa-tmn

Innovation hat im Bergischen Tradition. Und so sind Polick und seine Kollegen offen für neue Wege. Egal, ob es um Nachhaltigkeit geht, um die Kultivierung alter Sorten oder die Zurückverlagerung von Anbau auf heimische Flächen: „Das sind alles Dinge, über die man einmal mehr nachdenken kann und sollte.“

Hilfreich ist für die Akteure in der Region die schon bisher gute Zusammenarbeit: „Gerade die Vernetzung, das Miteinander und Sich-Kennen kommt uns allen jetzt zugute.“

Kreativität ist gefragt und Offenheit für Ideen – selbst wenn es so außergewöhnliche sind wie die Sache mit dem Mehlwurm als Eiweißquelle, die im vergangenen Jahr von sich reden machte. „Ja, das mit dem Geschmack ist so eine Sache“, sagt Polick und lacht. „Vieles daran kann man erklären, manches aber eben nicht. Mut zur Lücke gehört dazu, wenn mal etwas nicht so funktioniert. Dann schauen wir eben weiter. Man sollte aber nichts ausschließen. Und da bei uns im Handwerk viele Menschen arbeiten, kann man auch die Mitarbeiter miteinbeziehen und sie fragen: ,Was könntet Ihr Euch vorstellen, was denkt Ihr über Dieses oder Jenes? Daraus entstehen manchmal ganz neue Trends“.

Ausbildung: Kontakte knüpfen, Praktika anbieten

Auch im Bäckerhandwerk fehlt der Ausbildungsnachwuchs, sowohl was den Verkauf als auch die Produktion angeht: „Wir müssen jetzt wieder verstärkt in den Schulen über uns und unsere Arbeit informieren. Jugendliche ansprechen, Kontakte knüpfen und Praktika in den Backstuben anbieten.“

Die Vielfalt an Getreidesorten ist groß: hier sogenannter Champagner-Roggen. Archivfoto: Armin Weigel/dpa-tmn
Die Vielfalt an Getreidesorten ist groß: hier sogenannter Champagner-Roggen. Archivfoto: Armin Weigel/dpa-tmn

Viele Schüler seien begeistert vom Duft und den knusprig gebackenen Broten – ein sinnliches Erlebnis. Das manchmal zu einer Laufbahn im Handwerk führt, aber oft auch nicht. „Nachwuchs und Nachfolger brauchen wir dringend“, sagt Polick. „Sonst sieht es in den nächsten 10, 15 Jahren echt düster aus. Auch junge Leute mit Migrationshintergrund sollten unbedingt mit ins Boot geholt werden, da sehe ich vielerlei Formate, die uns helfen, an solche Menschen heranzukommen.

Bäckerei-Cafés: Die Kunden kommen wieder

Ein solches Format könnte zum Beispiel in der stärkeren Förderung der Sprachkompetenz bestehen. „Wer diese jungen Leute jetzt fördert, investiert klar in die Zukunft. Gegebenenfalls ist auch mal ein Dolmetscher nötig, um Sprachbarrieren abzubauen und den Einstieg zu erleichtern. Denn Sprachprobleme hemmen nicht nur, sie trennen auch. Sie abzubauen, daran wollen und müssen wir arbeiten.“

Wie auch ihre Kollegen freuen sich die Innungsbäcker im Bergischen Städtedreieck darüber, ihre Bäckerei-Cafés jetzt wieder nutzen zu können. Verwaiste Sitzecken, leere Stehtische und hochgestellte Stühle hätten in den vergangenen Monaten nicht eben einladend gewirkt. „Es kamen während der Corona-Beschränkungen vergleichsweise weniger Kunden her, da fehlte doch sehr das Leben“, sagt der Obermeister. Jetzt hätten die Bäckereien und ihre angeschlossenen Cafés wie früher auch wieder die Funktion als kleine Stadtteil-Treffpunkte.

Und ebenfalls erfreulich: In der Mehrheit seien die Wuppertaler tatsächlich auch wieder zurückgekommen. „Zwar sind wir im Sitzbereich auf keinen Fall schon wieder auf dem Stand wie vor den Corona-Einschränkungen“, sagt Dirk Polick, „aber wir sind zufrieden, dass wir wieder Zulauf haben.“

Bisher sei man relativ gut durch die Krise gekommen. „Mal schauen, was uns das Jahr noch so bringt.“ kas