Das Dschungelbuch klingt im Schauspielhaus anders

Kultur am Rhein:Das Dschungelbuch klingt im Schauspielhaus anders

Robert Wilson engerierte für die Musik das US-Amerikanische Duo Coco Rosie.

Das Dschungelbuch könnte der neue Knüller der kommenden Theater-Saison in Düsseldorf werden. Wie vor drei Jahren, als Robert Wilson E. T. A. Hoffmanns „Sandmann“ als fantasievolle High-Tech-Reise in surreale, manchmal düster bizarre Welten herausbrachte und dem Schauspielhaus einen Kassenschlager bescherte – stürmisch bejubelt sogar bei einem Gastspiel in Shanghai, einem der größten Theater Chinas. Bis heute hält der Run auf die Karten in der Landeshauptstadt an, hat der „Sandmann“ des amerikanischen Bühnenvisionärs doch längst Kultstatus erreicht.

Regisseur, Autor, Maler, Lichtdesigner und Videokünstler: Das Multitalent und der Grandseigneur Wilson (78) gilt weltweit im Opern- und Sprechtheater als Institution. Dass er seine Traumwelt besonders gut, originell und effektvoll in der Märchenwelt verwirklichen kann, bewies er 2013 im Berliner Ensemble (damals unter Claus Peymann) mit Matthew Barries „Peter Pan“ – der Erzählung vom Jungen, der nicht erwachsen werden will. Schon damals riet ihm ein alter Freund „Jetzt musst Du auch mal das ‚Dschungelbuch‘ machen!“ Und Wilson wollte.

D´haus

So führte das langjährige, vertraute Verhältnis zu Düsseldorfs Intendant Wilfried Schulz dazu, dass er dieses Projekt nun am Rhein realisiert – gemeinsam mit dem „Théâtre de la Ville“ in Paris, wo die Premiere ein paar Tage vor Düsseldorf (19. Oktober) über die Bretter geht. Wilson hat für beide Städte eigene Fassungen geschrieben und sich am Rhein mit den Darstellern des Schauspielhauses abgestimmt.

Mehrere Generationen sind mit dem „Dschungelbuch“-Zeichentrick- Film von Walt Disney von 1967 aufgewachsen, haben heute noch Songs wie „Probier‘s mal mit Gemütlichkeit“ im Ohr, zitieren Sätze oder Lieder von Baloo dem Bär und Kaa der Schlange oder Bagheera, dem schwarzen Panther. In Deutschland soll dieses Disney-Opus sogar der erfolgreichste Film sein, nach Anzahl der Kinobesucher. Er wurde 2003 in den Kanon der 35 wichtigsten Filme für Schulen aufgenommen (durch die Bundeszentrale für politische Bildung).

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Mitglieder der Volksbühne können ihre Kinder, Enkel oder Urenkel zum Besuch im jungen Schauspielhaus begleiten und sie ganz zwanglos und anschaulich in die Welt der Kultur einführen. Dafür gibt es Tickets zu Sonderpreisen sowie, als „Zückerchen“ (alternativ: als Anreiz), zusätzliche Vergünstigungen bei mehrfachen Besuchen.

Doch Disneys Ohrwürmer werden in Düsseldorfs Version nicht zu hören sein. Auch keine Neu-Bearbeitungen oder Variationen. Wie bereits 2013 in Berlin engagierte Robert Wilson wieder das Folk-Duo Coco Rosie. Die beiden Schwestern Bianca und Sierra Casady – die ältere Sierra in Iowa, die jüngere Bianca auf Hawaii geboren – feiern weltweit Erfolge mit ihrem eigenwilligen Mix aus Gesang, Harfe, Gitarre und zahlreichen Gebrauchsgegenständen. Zu Coco Rosies Stilmarke gehören „alte, verstimmte Instrumente, Waschbretter und Kochlöffel. Sie kommen auch im Dschungelbuch zum Einsatz“, verspricht Wilsons Dramaturgin vor Ort, Janine Ortiz. „Es ist eine fantasievolle Instrumentierung, die ein elektronisches Kinderzimmer lebendig macht.“ Geeignet für ein breites Publikum, auch ohne Uni-Abschluss und höheren Bildungsgrad. Ein Kinderzimmer kennt schließlich jeder.

Von Anfang an stand für ihn fest: Er will ein Familienstück machen, ein Bilderbuch, das man durchblättert, ohne viel Psychologie, mit wenig Text und viel Musik, für mehrere Generationen, die in die Märchen tauchen können. Gemeinsam mit den amerikanischen Schwestern kreierte er eine neue Fassung von Rudyard Kiplings Erzählung – als Musiktheater mit 13 Songs für „Kinder ab acht Jahren“, wie es auf dem Plakat steht.

Robert Wilson inszeniert das Dschungelbuch am Düsseldorfer Schauspielhaus. Foto: Chloé Bellemère
Robert Wilson inszeniert das Dschungelbuch am Düsseldorfer Schauspielhaus. Foto: Chloé Bellemère

Wie gesagt: Generationen kennen und lieben die 1894 erschienenen Geschichten vom indischen Jungen Mowgli und seinem Dschungelleben. Nach einem Angriff des hinterhältigen Tigers Shere Khan, bei dem Mowgli von seinen Eltern getrennt wird, findet das Menschenkind Aufnahme bei einem Wolfsrudel. Als Berater und Beschützer stehen dem Jungen der gutmütige Bär Baloo und der Panther Bagheera zur Seite. Zahlreiche Abenteuer lehren Mowgli das „Gesetz des Dschungels“, bevor er sich dem entscheidenden Kampf mit seinem alten Feind, dem Königstiger Shere Khan – sowie damit dem Erwachsenwerden und einer möglichen Rückkehr in die Zivilisation – stellen muss. Darum geht es in der Inszenierung, die sich eher an Kiplings Original denn an Walt Disneys Version anlehnt.

Thema Musik: Coco Rosie – die freakigen Folk-Schwestern singen und komponieren – geht es weniger um Raffinement oder den Schmelz wie in einem Musical. Mehr um Klangfarben, erklärt Ortiz. Fantasievoll und experimentell. „Es soll so simpel sein, dass auch Kinder mitsingen können.“ Von den Darstellern wird Schöngesang nicht gefordert. Sie müssen eher schräge Töne von sich geben – quietschen und krähen inklusive. Die Live-Band mit sechs Musikern, die alle mehrere Instrumente spielen, gibt, wie immer bei Wilson, im Orchestergraben den Ton an.

Auf die Reihenfolge der musikalischen Kurzgeschichten darf man gespannt sein. „Eine stringente Handlung erzählen wir nicht. Denn“, so Ortiz, „Kipling verfasste ein Sammelsurium von Storys.“

Von Coco Rosies Songs, sagt Ortiz, haben einige das Zeug zum Ohrwurm. Ihre Favoriten sind: Mowglis Abschiedslied – der Fair Well Song, mit dem sich die Tierstimmen verabschieden. Oder der Song von Panther Bagheera: dunkler Soul und Erotik mischen sich, wenn er von seiner Gefangenschaft erzählt. Ein Blick auf die Rollenverteilung beweist, dass Düsseldorfs erste Garde von Sänger-Darstellern am Start sein wird. Zum Beispiel: Mowgli, Findelkind Cennet Rüya Voß, Bagheera, Panther André Kaczmarczyk, Shere Khan, ein Königstiger Sebastian Tessenow, Hathi, ein indischer Elefant Rosa Enskat, Raksha, Wölfin Judith Bohle, Messua, Mowglis Mutter Tabea Bettin, Kaa, Schlange Thomas Wittmann. Michael-Georg Müller

Ab 19. Oktober im Schauspielhaus (Vorpremieren: 16. bis 18. Oktober) Tickets / Telefon: 0211 36 99 11, www.dhaus.de