Ein Dichter kuratiert Munch im K20

Kultur am Rhein:Ein Dichter kuratiert Munch im K20

Ein Porträt von Karl Ove Knausgård, dem berühmtesten Schriftsteller Norwegens, der eine Ausstellung seines Landmanns vorbereitet.

Es gab Zeiten ohne Kuratoren, die liegen keine 50 Jahre zurück. Es waren selige Zeiten, als sich die Museumschefs von den Künstlern überzeugen ließen und keine eigenen Konzepte ins Spiel brachten. Keine Mätzchen von Maskulinität und Feminität. Der Gründungsdirektor der Kunstsammlung, Werner Schmalenbach, kam jahrelang ohne Kurator aus und vertraute seinem eigenen Auge. Ja, er pfiff zeitweilig sogar auf Kunsthistoriker, die derzeit wie Pilze aus dem Boden schießen. Heute hat die Kunstsammlung sieben Kuratoren. Offensichtlich ist das nicht genug, denn nun holt sie sich auch noch den international berühmten Dichter Karl Ove Knausgård ins K20, um mit Anette Kruszynski als Vize-Chefin sowie mit Susanne Gaehsheimer als Museumsdirektorin die Ausstellung zu Edvard Munch in Szene zu setzen. Was ist da los?

Die Entscheidungen des Künstlers sind absolut

Das lateinische Wort Kurator bedeutet Pfleger oder gar Betreuer. Je berühmter ein Künstler ist, desto eher wird er sich einen Vormund verbieten, dem er etwa nach der Pfeife tanzen müsste. Ai Weiwei brachte sein eigenes Team mit, ließ in K 20 und K 21 jede Wand im Computer mit seinen Tapeten und Fotos bestücken, bevor gehängt oder geklebt wurde. Alles wurde nach seiner Direktive bestimmt. Die Mitarbeiter des Hauses sprangen ihm selbstverständlich hilfreich zur Seite. Bei Knausgård ist das ähnlich, denn niemand in Düsseldorf würde es wagen, die Auswahl dieses international berühmten Mannes zu kritisieren. An seinen Entscheidungen ist nicht zu rütteln, sie gelten als absolut. Und doch ist es anders, denn hier handelt es sich um einen Künstler, der einen Künstler präsentiert. Das Munch-Museum in Oslo hatte die Idee und die Ausstellung. Susanne Gaensheimer sah Knausgårds Schau, war begeistert und holt sie sich nun im Oktober mitsamt Inspirator ins Haus. Das ist ungewöhnlich, denn die Kunstsammlung hat keinen einzigen Munch. Mehr noch: Auf die Frage aus Oslo, als Kurator zu fungieren, sagte Knausgård, wie in seinem Munch-Buch „So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche“ zu lesen ist: „Ich hatte keine Ahnung, was es bedeutet, aber sagte ohne Zögern zu“. Das Buch (Luchterhand Verlag) verfasste er parallel zum Kuratorenjob.

Ein Seiteinsteiger aus der Literatur ist er also. Ein berühmter allerdings, denn allein in diesem Jahr erhält er den Nordischen Preis der Schwedischen Akademie und die Tübinger Poetik-Dozentur. Auf der Frankfurter Buchmesse wird er als Festredner auftreten. Ein Neugieriger und Wissenshungriger ist er, auch ein Stolzer und Unbeugsamer. Er will partout keine Klischees bedienen. Munchs millionenfach abgebildeter „Schrei“ kommt in keiner Fassung zum Grabbeplatz. Keine Meisterwerke aus dem Nationalmuseum Oslo werden gezeigt, denn die hat man x-fach gesehen. Eine Auswahl von 130 noch unbekannten Werken aus dem riesigen Depot des Munch-Museums ist geplant, wo er 1000 Gemälde und 20.000 Drucke gesichtet hat. Munch bewahrte alles auf, was er produzierte. Gleichzeitig galt er als ein achtloser Maler, der häufig kein Interesse daran hatte, die Bilder auszumalen. Knausgård aber, der Nichtfachmann, musste entscheiden, ob es fertige Werke, Entwürfe oder Fehlschläge waren.

Der Literat hatte nur ein Semester Kunstgeschichte studiert. Seine Herangehensweise hat nichts mit den intellektuellen Bestrebungen und Konzepten heutiger Kunsthistoriker zu tun. Anette Kruzynsik, Vize-Chefin der Kunstsammlung, erklärt: „Er lässt sich völlig emotional, subjektiv auf diese Bilder ein. Als Halbwüchsiger sah er bei einem Schulausflug zum ersten Mal im Nationalmuseum in Oslo Gemälde, kam in den Munch-Raum und war völlig erschlagen davon. Er sieht in Munch jemanden, der unmittelbar Gefühle auf die Leinwand bringt, egal, ob Landschaften oder Porträts. Das nimmt ihn gefangen. So wählt er auch aus.“

Eine Karte, alle Museen!

Die Art:card der Stadt Düsseldorf – die Eintrittskarte für alle Museen der Landeshauptstadt, ein ganzes Jahr lang gültig. Für die junge Museumsfreunde gibt es außerdem die Junior Art:card. Die Jahreskarte können Mitglieder der Volksbühne preisreduziert erwerben.

Die unerfüllte Sehnsucht des norwegischen Malers

Wie er in seinem Buch beschreibt, nahm er sich unendlich viel Zeit, inspizierte die dicht an dicht gedrängten fahrbaren Wände im Depot und zog ein Bild nach dem anderen heraus. Hier sollte nicht nach einem Katalog entschieden werden, sondern von Angesicht zu Angesicht. Knausgård wusste nicht, welche Bilder zum Vorschein kommen würden, denn nichts hängt dort chronologisch. Kunterbunt durcheinander, kaum verglast, verblüffende Meisterwerke neben schmucklosesten Skizzen, wüste Experimente neben konventionellen Landschaften, Bilder aus verschiedenen Zeiten. Manche Werke impressionistisch, manche dunkel und so schwer glühend wie Rembrandts, manche naturalistisch, manche symbolistisch, manche fast abstrakt. Knausgård hatte die Qual der Wahl.

Der Kurator erwies sich als Wissenshungriger, der nicht nur die Bilder nach allen Regeln der Kunst durchlief, sondern das Leben des Malers, seine Leidenschaft, seine Freude und Schaffenskraft eruierte. Auf Schritt und Tritt hielt er fest, was er sah und was er dachte, all die Gemütszustände, durch die Munch die Welt betrachtete. Die Biografie floss dabei in die Interpretation. All die Toten von der Mutter, die Munch verlor, als er fünf Jahre alt war, und der großen Schwester, die er als 13-Jähriger verlor, bis zum Tod des Bruders und der Umnachtung einer weiteren Schwester hat er erlebt und erlitten. Keiner in seiner Familie führte ein glückliches Leben, vor allem Munch nicht, der trotz aller Erfolge gequält blieb. Knausgård sieht in seinen Bildern eine unerfüllte Sehnsucht und in dem Maler einen Menschen, der ausgeschlossen war vom Leben mit anderen.

Die Ausstellung in K 20, Düsseldorf, Grabbeplatz, wird am 11. Oktober um 19 Uhr in Anwesenheit von Kronprinzessin Mette-Marit von Norwegen und Ministerpräsident Armin Laschet eröffnet.