Standortfrage – sperriges Wort, prägendes Thema

Kultur am Rhein:Standortfrage – sperriges Wort, prägendes Thema

Es gibt jede Menge gute Gründe, sich auf die nun beginnende Kultur-Saison in Düsseldorf zu freuen – viele davon sind in diesem Magazin zu finden.

Die hiesigen Museen haben mindestens zwei Schauen kuratiert, die weit über die Stadtgrenze hinaus beachtet werden: Der Kunstpalast hat seine Schau „Utopie und Untergang“ zur Kunst der DDR und einem neuen Blick auf sie Anfang September mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnet. Die Kunstsammlung wird auf Ai Weiwei nun Edvard Munch folgen lassen und das in Zusammenarbeit mit Schriftsteller Karl Ove Knausgård. Es gibt große Konzerte in der Tonhalle und den Popkonzert-Hallen (von Jonas Kaufmann bis Rammstein), die Freunde der Oper können unter anderem „Alcina“ und „Die Fledermaus“ erleben. Und das Schauspielhaus geht in die Spielzeit, in der es seinen 50. Geburtstag feiert. Es startet sehr klug, indem es wie 1970 „Dantons Tod“ spielt, und erlebt den absoluten Höhepunkt mit dem Festival „Theater der Welt“, das Düsseldorf im nächsten Sommer prägen wird.

Einige der genannten Häuser werden aber noch auf eine zweite Weise die kulturellen und kulturpolitischen Gespräche in dieser Stadt bestimmen: mit der Standortfrage. Das Wort mag sperrig sein und aus dem Verwaltungsdeutsch stammen, es spielt dennoch eine große Rolle. Das Schauspielhaus kehrt an den Gustaf-Gründgens-Platz zurück. Die Besucher erleben das nun eben 50 Jahre alte Haus in neuem Glanz und können es auch ganz praktisch neu entdecken, wenn sie etwa die Inszenierungen besuchen, die auf der kleinen Bühne im „Unterhaus“ geplant sind. Ohne die Vorfreude mindern zu wollen, sei an dieser Stelle dennoch daran erinnert, dass wir uns bald mit der Frage beschäftigen, ob das Theater und seine neue Nachbarschaft sich vertragen. Der Kö-Bogen II kann, wenn er gelingt, dazu führen, dass der Platz belebter wird und das Schauspielhaus nicht mehr so einsam am Ende einer zugigen Ebene liegt. Die Gebäude könnten aber auch deutlich enger wirken als auf allen Animationen und deshalb eben nicht zum neuen Lieblingstreffpunkt der Landeshauptstadt werden.

Das Schauspielhaus ist noch mit einer zweiten Standortfrage verbunden: Was geschieht an der Münsterstraße 446? Das Junge Schauspielhaus soll mehr ins Zentrum der Stadt kommen, dafür soll an seinem bisherigen Standort ein „Haus der Kulturen“ entstehen. Der erste Teil der Idee ist gut, zum zweiten hat Ahmed El Kourai, Vorsitzender der Marokkanisch- Deutschen Assoziation für Beratung und Gemeinwesen, in der Westdeutschen Zeitung einen bemerkenswerten Gastbeitrag geschrieben. Er gibt zu bedenken, dass das Junge Schauspielhaus schon Probleme hat, Menschen an den entlegenen Standort zu locken, und dass dies den Ehrenamtlern aus den Migrantenorganisationen noch schwerer fallen wird, zumal sie im Haus der Kulturen einen noch umfangreicheren Auftrag hätten als das Junge Schauspielhaus.

Tanzhaus und Kunstpalast werden ihre Standortfragen in den nächsten Monaten und Jahren (hoffentlich) dadurch beantworten, dass die Gebäude saniert und von ihren Problemen befreit werden. Dann und daneben rückt vor allem ein Thema ins Zentrum: die Zukunft der Oper. Den jetzigen Zustand hat der Kollege Alexander Schulte treffend mit dem folgenden Satz beschrieben: „Das Opernhaus steht für erhabene Kunst – aber auch für leckende Heizungen und kaputte Bühnenaufzüge.“ Die Frage, wie es auch jenseits der Sanierung weitergeht, ist laut gestellt und von erstaunlich vielen Architektur-Animationen begleitet. Dazu die Meinung des Autoren dieser Zeilen: Es wird nicht reichen, das Haus an der Heinrich-Heine-Allee nur zu sanieren, zugleich erscheint es zweifelhaft, ob die Stadt sich einen Neubau leistet. Deshalb steht zu vermuten, dass am Ende die Sanierung mit einer Erweiterung Richtung Hofgarten verbunden ist. Das wäre dann eine ziemlich rheinische Lösung einer Standortfrage. Christian Herrendorf

Ressortleiter Lokalredaktion Düsseldorf
Westdeutsche Zeitung