Begriff und Bedeutung der „Quarantäne“ als Chance sehen

Mina:Begriff und Bedeutung der „Quarantäne“ als Chance sehen

Annelie Brusten malt Bilder zur Coronakrise. Inspiriert wird sie durch Giovanni Boccaccios Novelle „Decamerone“.

Hier könnte das Paradies zuhause sein. Durch die großflächigen Sprossenfenster, die fast zwei ganze Wände beanspruchen, fällt das Sommerlicht. Streift Tuben, Pinsel, Behältnisse, eine Staffelei, ein Bücherregal und einen alten überquellenden alten Schrank. Auf einem Fenstersims neben einem kleinen Recorder liegen CDs von James Brown und Sting, „aber auch Beethovens ‚Für Elise‘“, sagt Annelie Brusten. Was gehört wird, entscheiden Stimmung und künstlerisches Vorhaben. Ein Modell der Galerie Octogon, die Brusten im achteckigen Pavillon im Klophaus-Park 20 Jahre geführt hatte, dient mit einer Glasplatte versehen als Beistelltisch neben einem bequemen Sessel. Der Künstler Marcus Janssen hatte es gefertigt, als er 1987 in der Galerie seine Installation „Tisch und Teppich“ zeigte. „Materiallager“ nennt Brusten ihr Atelier, in dem sie in den letzten Monaten viel Zeit verbracht hat. Die Künstlerin und ehemalige Galeristin verarbeitet dort die Coronakrise in poppig-bunten, quadratischen Bildern.    

Das Jahr begann auf der Queen Mary. Zwei Monate sollte die Weltreise dauern. Sollte bis Hongkong gehen, stattdessen kam Corona und das Schiff ging in Australien vor Anker, flog das Ehepaar Ende Februar mit dem Flugzeug zurück nach Düsseldorf. Anschließend zogen sich Annelie Brusten und ihr Mann freiwillig von den Menschen in ihr Haus in Unterbarmen zurück, lockerten die freiwillige Quarantäne erst vor einigen Wochen vorsichtig. Der Einkauf wurde zum durchgeplanten Vorhaben mit Maske. “Wir wussten, dass etwas passieren würde. Ich habe mich fürchterlich aufgeregt, schließlich habe ich mit sieben Jahren das Kriegsende miterlebt, dachte: ‚jetzt fängt das wieder an‘.“
                   

Im Gepäck hatte sie da schon die Idee, Giovanni Boccaccios Novelle „Decamerone“ für sich künstlerisch umzusetzen. Das stilbildende Werk aus dem 14. Jahrhundert spielt in einem Landhaus in der Nähe von Florenz, in das zehn junge Leute vor der Pest geflohen sind. Sie nutzen ihren Quarantäne-Aufenthalt, um sich gegenseitig mit Geschichten zu unterhalten. An Bord des Kreuzfahrtschiffs hatte Brusten in der „Zeit“ Geschichten von heutigen Autoren gelesen, die „Decamerone“ für die Wochenzeitung aktualisiert hatten. „Ich wollte mich auf meine Weise mit dem Thema beschäftigen“, entschied Brusten, und damit zugleich, Begriff und Bedeutung der „Quarantäne“ als Chance sehen. Zwar bedeutete sie auch für sie den Rückzug von den Menschen, das Alleinsein, das Angewiesensein aufs Telefon, aber sie habe Phantasie und wisse sich zu beschäftigen. Die Kunst sollte sich schon mit der Coronakrise auseinandersetzen, findet Brusten, aber nicht als auferlegte, sondern als freiwillige Aufgabe, die sie sich selbst gebe.

Annelie Brusten entschied, kein einmaliges Werk, sondern eine Serie zu schaffen, die sie sich durchaus auch mal in einer Ausstellung vorstellen könnte. Zehn Werke sollten es werden, vielleicht mehr. „Jedes anders, jedes in seinem runden Rahmen.“ Der Buchstabe „Q“ war gesetzt, des Wortes wegen und „als Fläche, in die ich viel rein kriege“. Der Haken am unteren Ende des Buchstabens wurde zur gestalterischen Herausforderung mit symbolischer Bedeutung: Das Q sei nicht nur eine runde Scheibe, sondern habe einen Ausgang. Ein Pfannendeckel passte genau aufs 40 mal 40 cm große Papier, gibt nun das Rund vor, das die Künstlerin mit phantasievollen Collagen füllt. Sie malt mit Acryl- oder Aquarellfarbe, mit Edding oder Buntstiften, vor allem aber arrangiert und klebt sie Motive, die sie in Zeitungen und Zeitschriften findet. Eine Paprikaspitze, ein Vogelschnabel, ein Daumen, eine Autokarosserie, die als Häkchen aus dem Kreis herausragen, diesen zum Q machen. Ein rot-verschleierter Kopf, der aus dem ebenfalls rot grundierten und mit wilden schwarzen Strichen bemalten Kreis ausbricht. Das Jahre alte Fundstück erfährt mit seiner Bedeckung in der Coronakrise aktuelle Bedeutung. Brustens in sich stimmige Kompositionen entstehen beim Tun, sind nicht vorgeplant, „manchmal erscheint das Bild kaputt zu sein“, erklärt sie, bis sie etwas finde, „das die ganze Sache wieder spannend macht“.

Sie fülle das Q mit ihren Gedanken, erklärt Brusten. Die Quarantäne biete den Menschen Zeit, um in sich zu gehen, „die einen tun dies zum Guten, die anderen zum Schlechten und schlagen sich die Köpfe ein“. Sie selbst nutze die Quarantäne, um in Ruhe zu arbeiten, fühle sich dabei privilegiert, weil ihre Existenz gesichert sei, sie und ihr Mann 300 Quadratmeter Platz haben und nicht wie so manche Künstler am Rande der Existenz stehen, was nicht gerade die künstlerische Phantasie befördere. „Ich höre die Musik aus der Nachbarschaft, genieße das schöne Wetter auf dem Balkon oder im Garten.“ Sie schaut viel fern, Nachrichten und alte Filme, das Wiederaufleben der Autokinos freut sie, hinfahren möchte sie nicht. Und sie malt ihre Quarantäne-Geschichten, die entstehen, „während ich sie gestalte und die Zeit überbrücke“. Von Monika Werner-Staude