Corona-Welle sorgt für Haustierboom

Mina:Corona-Welle sorgt für Haustierboom

                         

Wenn Menschen zusammenrücken und in Zeiten von Corona auf die familiären Kernstrukturen zurückgeworfen werden, dann steigt offenbar auch der Bedarf an tierischen Mitbewohnern. Tierheime und Züchter etwa von Hunden oder Katzen haben in den vergangenen Wochen eine deutlich erhöhte Nachfrage verzeichnet. Tierschützer sehen die Entwicklung allerdings durchaus kritisch, befürchten sie doch, dass bei so manchem die Liebe zum Haustier erkaltet, sobald das normale gesellschaftliche Leben und Freizeitverhalten wieder seine Wirkung entfaltet.   

„Wir beobachten, dass in den Tierheimen und vor allem in den sozialen Medien die Nachfrage nach Haustieren stark gestiegen ist“, bestätigt auch die 1. Vorsitzende des Tierschutzvereins Wuppertal, Eva-Maria Scheugenpflug. Der Tierschutzverein vermittelt zwar keine Tiere mehr direkt, gibt aber Informationen zu Tierheimen oder nennt Ansprechpartner. Zudem können Privatpersonen ihre Tiere über die Internetseite des Vereins (www.tierschutzverein-wuppertal.de) zur Vermittlung anbieten.  

Als Tierschützer sehe man die aktuell starke Nachfrage eher kritisch, räumt Scheugenpflug ein. Auch wenn sie den Wunsch vieler Menschen nach einem Haustier verstehe, könne der kurzfristige Entschluss zur Übernahme eines Haustieres auch „nach hinten losgehen“. Die Vereinsvorsitzende verweist auf einen Mann, der sich vor zwei Monaten eine Katze angeschafft hatte und nun nach einem Unfall des Tieres die Behandlungskosten beim Tierarzt nicht zahlen kann. Deshalb müssten die Tierheime auch bei einer starken Nachfrage penibel darauf achten, dass Hunde, Katzen, Vögel oder Kleintiere dauerhaft in gute Hände kommen.

Von einem „Haustierboom“ weiß auch der Deutsche Tierschutzbund in Bonn. Züchter, Zoofachgeschäfte und Tierheime berichteten von einer „immensen Nachfrage“, sagt Sprecherin Hester Pommerening. Trotz oder gerade wegen der großen Anzahl von Interessenten klärten die Tierheime ab, ob der Anfragende „wirklich ernsthaft Interesse hat und als neuer Halter überhaupt in Frage kommt“. Die Tierheime vermittelten nur dann, wenn sie sicher seien, dass das Tier nicht wieder über kurz oder lang im Tierheim landet, sondern wirklich ein dauerhaftes Zuhause gefunden hat.

„Unter den Anfragen waren bei einigen Tierheimen aber auch skurrile Anfragen von Menschen, die während des Lockdowns und während ihrer Homeoffice-Arbeit Zeit hatten und gern ein Tier während der Corona-Phase für ein paar Monate aufnehmen und danach ins Tierheim zurückbringen wollten“, berichtet die Sprecherin. Aus Tierschutzsicht sind solche Angebote natürlich kontraproduktiv. Eine Rückkehr ins Tierheim nach kurzer Zeit wäre für das Tier purer Stress oder sogar traumatisierend.

Bedenken haben die Tierschützer zudem, dass durch die steigende Nachfrage vor allem der Handel mit Jungtieren steigt, die von dubiosen Züchtern aus dem In- und Ausland stammen. Diese Züchter seien oft „nur profitgetrieben“ und führten keine Vermittlungsgespräche zu den Tieren, warnt die Fachreferentin für Heimtiere beim Tierschutzbund, Lisa Hoth. „Es besteht die Gefahr, dass Tiere unüberlegt angeschafft werden und über kurz oder lang im Tierheim landen“, sagt sie.

Auch die Tierschutzorganisation Tasso hat eine bedenkliche Entwicklung ausgemacht. „Nachdem Mitte Juni die Grenzen wieder geöffnet wurden, können die meist aus Osteuropa stammenden Wühltischwelpen nun wieder nach Deutschland importiert und im Netz allzu arglosen Käufern angeboten werden. Fast alle Tiere sind krank, viel zu früh von der Mutter getrennt, ungeimpft und überleben häufig die ersten Lebensmonate nicht“, erklärt der Leiter Tierschutz Inland bei Tasso, Mike Ruckelshaus.

Bei seiner kostenlosen und europaweiten Registrierung von Haustieren hat auch Tasso einen auffälligen Anstieg zu verzeichnen. Wurden im Juni 2019 etwa 31 400 Hunde neu bei Tasso registriert, waren es ein Jahr später über 39 000. Das ist ein Anstieg von etwa 25 Prozent – normal wären etwa vier Prozent gewesen.

Auch in Wuppertal kann man den Trend zum Haustier bestätigen. Beim Hundesteueramt der Stadt seien im Juli dieses Jahres rund 17 100 Hunde angemeldet worden, im Juli 2019 waren es knapp 16 800, berichtet Stadtsprecherin Martina Eckermann. Dieser Sprung in den Zahlen sei „außergewöhnlich“, auch die Mitarbeiter des Amtes hätten den Eindruck, dass es derzeit viele Neuanmeldungen gebe.

Zudem sei in diesem Jahr keine Tendenz zur verstärkten Abmeldung von Hunden festzustellen. Während in den Vorjahren Halter ihre Tiere oft vor den Sommerferien abmeldeten, weil sie die Tiere vor der Fahrt in den Urlaub loswerden wollten, fehle diese Delle in diesem Jahr komplett. Offenbar liege das daran, dass deutlich weniger Menschen Urlaubsziele ansteuerten, zu denen sie ihre Vierbeiner nicht mitnehmen können, vermutet Eckermann. Oder sie fahren gegebenenfalls erst gar nicht in den Urlaub.  Von Michael Bosse