Das schweißt zusammen

Mina:Das schweißt zusammen

Trainieren mit Abstand, strenge Hygieneregeln – endlich geht es ran, an die Corona-Pfunde. Doch Fitnessstudios haben Konkurrenz bekommen: das Heimtraining und Sport im Freien.

Was früher Tele-Gym war, ist jetzt Youtube: Angelika Feit liegt auf der Matte, kaminrote Gymnastikhose, schwarzes Sportshirt, sie hebt ihre Beine an, langsam rauf und runter, die Zehen immer angezogen. Damit alle in Form bleiben können, hat die Thaiboxerin auf eigene Faust begonnen, Übungen zur Beweglichkeit und Kräftigung im eigenen Wohnzimmer vorzumachen – entstanden ist daraus das Online-Tutorial „Fit bleiben trotz Corona“. Mehr als 1000 Mal wurde das Video angeklickt. Und natürlich treiben bei dem schönen Wetter auch immer mehr Wuppertaler Sport im Freien: Jogen, Radfahren, Tennis – und selbst Trimm-Dich-Pfade im Wald sind wieder angesagt.  
  
Die Pandemie hat sämtliche Lebensbereiche durchdrungen und auch im Sport die Art verändert, wie Menschen trainieren und fit bleiben wollen. Vor allem in der Zeit, in der die Fitnessstudios geschlossen hatten, suchten viele nach Alternativen, um den Bewegungsmangel auszugleichen: Damit legte das Heimtraining in den vergangenen Monaten eine erstaunliche Karriere hin, und auch das Laufen erfuhr einen regelrechten Boom. Viele schwitzen lieber im Freien, fühlen sich damit aerosoletechnisch sicherer. Fitnessstudios sind nicht unbedingt riskantere Orte, sagt der Sportbiologe Prof. Henning Wackerhage von der TU München: „Wenn die Hygieneregeln befolgt werden, ist das Risiko einer Ansteckung minimal“, sagt Sportbiologe Professor Henning Wackerhage von der TU München.  

Doch die Ergebnisse einer Umfrage, für die der Deutsche Industrieverband für Fitness und Gesundheit (DIFG) im Mai etwa rund 1000 Studio-Mitglieder befragen ließ, dürften Betreibern nicht gefallen: Jeder Fünfte gab an, in Zukunft das Fitnessstudio seltener als vor der Corona-Krise besuchen zu wollen – oder sogar gar nicht mehr. Gleichzeitig müssen die Inhaber die Folgen der siebenwöchigen Zwangspause in NRW kompensieren. Beiträge müssen in späteren Monaten gutgeschrieben werden, verpasste Neumitgliedschaften fallen ins Gewicht. Die Branche rechnet laut DIFG zum Jahresende mit zehn Prozent weniger Mitgliedern als Ende 2019.                    

Historische Stadthalle Wuppertal

Einer Studie der Universität Potsdam zufolge bewegten sich 35 Prozent der Menschen weniger als vor der Krise, nur 15 Prozent steigerten ihre Aktivität. Doch Muckibuden, in denen nur Pumper trainieren, die aussehen, als könnten sie einen Kleinwagen zerquetschen, sind Fitnessstudios natürlich schon lange nicht mehr. Es geht um Gesundheit, Körperbewusstsein, Lifestyle, Leistungsfähigkeit und Prävention. Ein bisschen Posing und Sich-Zeigen gehört in Instagram-Zeiten sicher auch dazu. Das Fitnessstudio müsse sich in der Corona-Krise neu aufstellen, sagt der DIFG-Vorsitzende Ralph Scholz. Gefragt sei ein Mix aus Studio-Training, Online-Kursen für zu Hause und am besten noch Angeboten für draußen.

Die lokale Kette Sportpark Group, die in Wuppertal mit fünf Studios vertreten ist und 11000 Mitglieder hat, arbeitet bereits mit einer App, die es den Trainern ermöglicht, auf die Bedürfnisse ihrer Mitglieder abgestimmte Trainingspläne zu erstellen. Die wiederum können dann per E-Mail oder App empfangen werden.

Elisabetta Galluzzo, Prokuristin der Sportpark Group, ist froh, dass der Betrieb nach dem Lockdown fast wieder normal läuft. Aber natürlich hätten sie in den vergangenen Monaten zu kämpfen gehabt, die rund 50 Mitarbeiter waren zwei Monate lang in Kurzarbeit. „Doch wir hatten ein Hygienekonzept ausgearbeitet, das letztlich in NRW genau so eingefordert wurde. Das hat uns geholfen“, sagt Galluzzo.

So muss zwischen den Sportlern ein Mindestabstand von 1,5 Meter eingehalten werden. Es gibt Trennwände zwischen den Geräten. Die Kontaktflächen werden jede Stunde und auch individuell gründlich desinfiziert und gereinigt. Mit Hygiene-Stationen, Markierungen und klug installierten Hinweisen auf Abstandsregeln funktioniere das alles ganz gut. „Die Mitglieder sind aber auch sensibler geworden, die Verweilzeit im Studio ist insgesamt kürzer“, sagt sie. „Aber den Leuten hat das Krafttraining gefehlt, sie wollen wieder Muskulatur aufbauen.“ Die Filiale der lokalen Kette im ehemaligen Gaskessel wurde erst im Juni 2019 eröffnet, trainiert wird dort auf dreieinhalb Etagen und 2000 Quadratmetern. „Das verteilt sich sehr gut. Jedes Gerät steht doppelt oder dreifach zur Verfügung.“

Diplom-Sportlehrerin Jolanta Er betreibt das kleine Studio „Ladies First“ auf 270 Quadratmetern. Das Studio existiert schon seit 1986, an der Untergrünewalder Straße ist es seit 2003. „Das war schon eine harte Zeit, aber 85 Prozent der rund 180 Mitglieder sind zurück“, freut sich Jolanta Er. Im Damenstudio trainieren Frauen aller Altersklassen miteinander, die 24-Jährige neben der 84-Jährigen. „Das empfinden viele als bereichernd“, sagt Er. Und komme den Älteren mit ihren Zipperlein zugute. Die vielen Stammgäste hätten ihr die Stange gehalten, sie habe ungeheuer viel Zuspruch und Unterstützung in der Krise erhalten. Auch Kurse bietet sie zum Teil wieder an, nur keine mit hoher Intensität. Das sei vorgeschrieben. Durchlüften sei aber sowieso das A und O, denn das Studio hat keine Klimaanlage. Räume, in denen der Schweiß nur so tropft, müssen doch Viren-Brutstätten sein. Nein, beim Desinfizieren sei sie übervorsichtig und streng, sagt die Besitzerin und lacht: „Ich laufe da wie ein Polizist hinterher.“

Irmgard Schneider trainiert fast wieder wie vor der Corona-Krise. Dass durch die körperlichen Anstrengungen die Produktion der Aerosole erhöht sein könnte, schreckt sie nicht. Die Frischluftzufuhr sei gut, da mache sie sich keine Sorgen. Schlimmer sei es um die Corona-Pfunde bestellt: „Die bin ich noch lange nicht los“, sagt sie, verzieht das Gesicht und steigt wieder auf den Stepper – und das zu einer Zeit, zu der für den Rest von Wuppertal der Tag gerade erst beginnt. Von Ellen Schröder