Die Menschen wollen Kultur analog erleben und mit anderen teilen

Mina:Die Menschen wollen Kultur analog erleben und mit anderen teilen

                          

Silke Asbeck, Geschäftsführerin der Historischen Stadthalle, hat Schutz- und Hygienekonzepte und neue Formate für Veranstaltungen im Herbst entwickelt. Hybride Angebote gehören dazu.

Nein, die Veranstaltungsbranche stehe durch die Coronakrise nicht vor dem Aus, vielleicht vor einem Neuanfang. Nach einem finanziellen Desaster, dessen Schäden noch nicht absehbar seien. Stark verändert, nach einer Erholungsphase und mit denen, deren Durchhaltestrategie über das Jahr hinausreiche. Sagt Silke Asbeck, Geschäftsführerin der Historischen Stadthalle. Die „1B Destination in einer kleinen Großstadt“ sei dabei besser dran als die internationalen Player in Berlin, Frankfurt oder München, die auf Besucher aus aller Welt angewiesen seien. Ein Format, das dabei eine wachsende Bedeutung erfährt: hybride Veranstaltungen.

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Die Sommerferien wurden genutzt, um den Start in den Herbst vorzubereiten. Was 2020 bedeutet: Gemeinsam mit dem Gesundheitsamt Schutz- und Hygienekonzepte erarbeiten, damit sich Künstler und Besucher gleichermaßen im Haus wohlfühlen. Konkret: Bestuhlung und Wegleitesysteme für verschiedene Formate in den verschiedenen Sälen des Hauses festlegen. Dabei immer den Spagat zwischen Betriebswirtschaftlichkeit und Sicherheitsbedenken der Besucher im Blick zu behalten. Auf Pausen, Garderoben, Wartebereiche werde verzichtet, die Gäste direkt zu ihrem Platz geleitet, Essen im Restaurant sei nur vor der Veranstaltung und mit Reservierung möglich, ein Getränkeangebot wie in Flugzeugen werde noch geprüft. Spontaneität und freie Entfaltung sehen anders aus. Zwar habe die Landesregierung mittlerweile erlaubt, die Säle wieder höher auszulasten, wenn nachgewiesen werde, wer wo gesessen habe, zwar seien nur Großveranstaltungen noch verboten. Was aber ist eine Großveranstaltung? Ab 1000 oder ab 5000 Besuchern? Klare Definitionen fehlen mal wieder – wie so oft in der Coronakrise.

Also wird jede einzelne Veranstaltung separat geprüft und mit den Gesundheitsbehörden abgestimmt. Wie die schrittweise Rückkehr ins Konzertleben aussehen kann, hätten Erfahrungen mit zwei Kammerkonzerten des Sinfonieorchesters im Mendelssohnsaal im Juni gezeigt: Die Leute sind vorsichtig, trauen sich noch nicht. Trotz verringerter Stuhlzahl war der Raum nur zur Hälfte gefüllt. Also setzt die Geschäftsführerin auf eine angepasste Preispolitik für die Veranstalter bei niedrigerer Auslastungen der Räumlichkeiten. Sicherheit sei wichtiger als eine schwarze Null.

Beispiel Konzerte: Im Großen Saal mit seinen 1500 Plätzen soll jede zweite Reihe leer bleiben, um 1,50 Meter Abstand herzustellen. „Wir haben da zwei Varianten, eine mit 611 und eine mit gut hundert Plätzen mehr“, erzählt Asbeck. Wichtig für das Klavierfestival Ruhr, das seine ausgefallenen Termine neu terminiert hat, im November in Wuppertal gastiert. Wichtig für das Sinfonieorchester, das seine Sinfoniekonzerte ab 20. September im Großen Saal wieder spielen will. Beispiel Messen: Mit weniger Besuchern, die sich gleichzeitig im Haus aufhalten und einem Einbahnstraßensystem soll eine weitere Fine-Arts-Messe für Kunst, Handwerk und Design im Oktober möglich werden.

Das Unterhaltungsprogramm hält sich noch auf der Homepage, fast als wäre nichts geschehen. „Wir sind aber ziemlich sicher, dass wir die Veranstaltungen, die ein volles Haus haben, verlegen müssen.“ Natürlich hoffe man auf das Weihnachtsprogramm, gehe kulant mit den Veranstaltern um, dränge nicht auf Stornierungsgebühren. Auch wenn alle wissen, dass verschobene Events nicht einfach nachgeholt werden können, weil sie mit dem Programm im nächsten Jahr kollidieren: „Wir sitzen doch alle in einem Boot, müssen soziale Verantwortung übernehmen“, ist Asbecks Credo. Mit dem Gesellschafter, der Stadt Wuppertal, sei vereinbart, Ende des Jahres Bilanz zu ziehen und über das aufgelaufene Defizit zu befinden. Außerdem wolle man sich auch um staatliche Förderung bemühen.

Und um Hybrid-Angebote, die aus einer kleinen analogen und einer großen digitalen Streaming-Veranstaltung bestehen. Die Kunden wünschen sie, und Asbeck weiß: „Unser Geschäft ist regional und deutschlandweit, wir müssen besser sein als die Konkurrenz und da gehört Hybrid dazu.“ Auch wenn das Format keine Gastronomie und kleinere Räume benötigt und damit weniger Geld einbringt. Die digitalen Möglichkeiten wiederum erleben zwar in der Pandemie einen Boom, davon aber profitiere mehr der Business-, weniger der kulturelle Bereich. „Ein gestreamtes Konzert mit Chips am Monitor zu erleben“ sei nicht mit emotionalen Momenten zu vergleichen, die man analog mit anderen teilen könne. Weshalb Silke Asbeck überzeugt ist, dass es Live-Kultur-Veranstaltungen mit Publikum wieder geben wird, wenn sich die Leute sicher fühlen. Bleibt nur noch der Frage, wann das sein wird. Wenn im Herbst die Coronavirus-Infektionszahlen zurückgehen, geht es schneller, kommt eine zweite Welle, dauert es länger. Von Monika Werner-Staude