»Einfach mal quer denken!«

Mina:»Einfach mal quer denken!«

Achim Schad ist Wuppertaler Familientherapeut und hat das Buch „Kinder brauchen mehr als Liebe“ geschrieben. In Vorträgen gibt er immer wieder Tipps, wie ein harmonisches Familienleben gelingen kann.

Während des Lockdowns durften Kinder und Jugendliche kaum Gleichaltrige treffen. Was bedeutet das für sie?  

Achim Schad: Für Kinder war das eine ganz gravierende Einschränkung. Manche haben zwar auch Geschwister, manche erleben, dass Papa und Mama jetzt etwas mehr Zeit haben – aber die andere Seite ist das hohe Maß an Isolation. Gleichaltrige sind ein ganz enormer Lernmotor. Das können Erwachsene bei allem Engagement und pädagogischem Geschick nicht ersetzen. Das Lernen von Gleichaltrigen ist von unersetzbarem Wert und passiert maßgeblich über Nachahmung. Gleichaltrige sind für die kognitive, psychische und auch körperliche Entwicklung von unschätzbarem Wert. Deshalb ist es auch so wichtig, Schulen und Kitas zumindest in kleinen Gruppen zu öffnen.  

Jugendliche haben die Tendenz, sich von den Erwachsenen abzunabeln. Sie brauchen ihre Peergroup. Wenn sie dann chatten oder Computerspiele machen oder sich draußen treffen – da würde ich nachsichtig sein. Sie kommunizieren – das ist das A und O für Jugendliche.  
 
Was bedeutet der Lockdown dann für Kinder, die vor allem vor dem Fernseher abgesetzt werden?  

Achim Schad: Eltern, die bildungsorientiert sind und Ressourcen haben – sowohl zeitlich als auch psychisch – widmen sich ihren Kindern intensiver. Bei Eltern, die sowieso schon mit dem Rücken zur Wand stehen, entwickelt sich ein Schereneffekt. Für Kinder ist es dramatisch, sehr viel vor dem Fernseher zu sitzen. Sie haben dann Defizite in der Sprachentwicklung, im sozialen und emotionalen Bereich. Über elektronische Medien kann nicht im Ansatz das Gleiche vermittelt werden wie über persönliche Kontakte. Es fehlt die direkte Resonanz. Und wenn ein Kind viel vor dem Fernseher sitzt, ist es emotional aufgeputscht und körperlich gefesselt. Mache ich den Fernseher aus, hat dieses Kind einen sehr großen Bewegungsdrang. Wenn dieses Kind dann tobend durch die kleine Wohnung jagt, sind die Eltern schnell selber gereizt, Konflikte nehmen zu, die Agressivität nimmt zu. Und dann schalten sie lieber den Fernseher wieder an… Da entsteht ein Teufelskreis. Da steigt dann auch die häusliche Gewalt gegen Kinder. Deshalb ist es sehr wichtig, Einschränkungen in Kitas und Schulen so gering wie möglich halten.               

Wie hat sich die Corona-Krise auf das System Familie ausgewirkt?

Achim Schad: Ähnlich wie in Urlaubssituationen wird die Familie aus ihren gewohnten Ritualen geworfen. Plötzlich sind alle wochenlang auf engem Raum zusammengepfercht. Auch im Urlaub brechen ja oft Krisen aus und die Eltern freuen sich wieder auf die Arbeit. Krisen und Konflikte sind ohne die Strukturen des Alltags erheblich größer. Viele Eltern stellen dann fest: Wir haben unterschiedliche Erziehungsstile. Da muss dann diskutiert werden. Wenn sich die Eltern gegenseitig in den Rücken fallen bei Entscheidungen, potenziert das die Probleme. Die Kinder werden als nerviger und stressiger erlebt. Wer mit den Kindern über Lösungen diskutiert, gerät plötzlich in einen Verhandlungsmarathon – da liegen die Nerven dann blank. Und auch als Erwachsener kann ich weniger Freunde treffen, die Großeltern können die Kinder nicht übernehmen. So gibt es weniger Entlastung. Wenn dann noch wirtschaftliche Sorgen dazu kommen, dann können schnell dramatische Situationen entstehen.

Was können Eltern tun, um solche Szenarien zu verhindern?

Achim Schad: Man kann in so einer Situation auch Potenziale nutzen. Väter berichten, dass sie sich freuen, dass sie mehr Zeit für ihre Kinder haben. Gut ist es immer, nach draußen zu gehen. Eine spannende Wanderung durchs Unterholz kann Kinder total begeistern, da kann man viel entdecken und neue Dinge erleben. Der Lockdown ist auch eine Chance, einfach mal quer zu denken: Was machen wir jetzt mal, was wir bisher noch nicht gemacht haben? Jede Veränderung beinhaltet auch die Möglichkeit, dass sich neue Türen öffnen.             

Homeschooling haben viele Eltern sehr problematisch erlebt. Haben Sie Tipps dafür?

Achim Schad: Für viele Eltern bedeutete das Homeschooling einen Riesenstress. Ohne ihre Klassenkameraden waren die Kinder langfristig kaum motivierbar für schulische Belange. Aber Eltern können nicht komplett kompensieren, was jetzt an Schule wegfällt – weder die Sozialkontakte noch die Präsenz des Lehrers. Zumal die Rückmeldungen der Lehrer von Schule zu Schule sehr unterschiedlich waren. Davon hängt natürlich ab, wie motiviert Kinder sind.

Wenn Eltern auf festgelegte Lernzeiten oder Leistungen bestehen, führt das zu Machtkämpfen und Verweigerung. Um die Motivation zu erhalten, darf man nicht zu viel Druck aufbauen, muss sehr spielerisch herangehen. Eher die Kinder experimentieren lassen und den Spaß am Lernen erhalten. Oft ist es auch sinnvoll, sich andere Sachen anzugucken, die das Kind interessieren – Pflanzen, Tiere, Maschinen. Damit Kinder lernen: Sich mit Dingen näher auseinanderzusetzen ist spannend.

Was können Eltern tun, um Familien resilient zu machen gegen Krisen?

Achim Schad: Menschen, die sich gut getragen und angenommen fühlen und sich in einem positiven Netzwerk bewegen, sind seelisch stabiler und stecken Schicksalsschläge besser weg. Eltern können also das Selbstwertgefühl der Kinder durch positive Rückmeldungen bestärken und durch wirkliches Interesse für das Kind. Forschungen sagen, dass man das Fünffache an positiver Bestätigung braucht, um eine negative Rückmeldung annehmen zu können. Eine ermutigende Begleitung ist Balsam für die Seele. Wichtig ist also, eine positive Atmosphäre zu schaffen. Dafür sind auch Familienrituale wie gemeinsame Mahlzeiten ohne Smartphone wichtig. Da müssen wir Erwachsene uns auch disziplinieren. Diese Krise kann man auch als Chance nutzen, Verhaltensweisen zu ändern.