Raus aus der Panik»Wir müssen die Welt in den Hintern treten«

Mina:Raus aus der Panik»Wir müssen die Welt in den Hintern treten«

                          

Eigentlich sollte Jörg Heynkes verzweifelt sein, verärgert, traurig. Sein Lebenswerk ist dahin. Zerstört von einer Pandemie, für die er nichts kann, gegen die er aber auch nichts unternehmen konnte. Die Villa Media an der Viehhofstraße in Wuppertal ist Geschichte. Und mit ihr 22 Jahre, in denen es für Heynkes und seine Mitstreiter im Grunde nur aufwärts ging. Vorbei. Heynkes hat aufgegeben. Er zog die Reißleine, bevor die Ereignisse nicht nur sein Unternehmen, sondern auch seine Rücklagen auffressen konnten. Kaum zwei Monate ist das her. „Die Trauer ist vergangen, der Ärger verklungen. Bis auf eine haben alle meine Mitarbeiter schon längst neue Stellen gefunden. In der Gastronomie werden Leute gesucht“, sagt der 57 Jahre alte Unternehmer. Er selbst konzentriert sich nun darauf, eine neue Nutzung für das imposante Areal am Arrenberg zu finden. Und er spricht wieder. Sein Vortrag über die Digitalisierung und die Entwicklung der Welt ist auch in diesen Zeiten gefragt. Kein Grund, bedrückt zurückzublicken. „Doch, ein wenig schon“, sagt Heynkes und erinnert sich daran, wie die Eventkultur in und auch durch die Villa Media sich entwickelt hatte. Schneller, höher, weiter, schriller, bunter, lauter und auch teurer. „Als wir mit den Hochzeiten angefangen haben, setzte jeder Gast 75 D-Mark um. Zuletzt waren es 125 Euro. Und das hat längst nicht nur mit der allgemeinen Preissteigerung zu tun“, sagt er. Heynkes hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten einen Wettbewerb festgestellt. „Jede Hochzeit, jede Party sollte die überbieten, auf denen die Gastgeber zuvor selbst gewesen sind“, erzählt er. Die Auswirkungen hätten bis hin zur Dekoration auf der Toilette gereicht.

Artgallery Wuppertal

Richtige Partys gibt es noch nicht wieder. Und im Grunde ist auch nicht mehr zu erwarten, dass Menschen noch einmal auf die Art zusammenkommen, wie sie sich in den vergangenen drei, vier Jahrzehnten nach und nach entwickelt hat. „Nicht schlimm“, sagt Heynkes. Er hat vermeintlich leicht reden, nachdem er sich aus der Veranstaltungsbranche verabschiedete. Aber ganz so ist es nicht. Einerseits ist er als „Speaker“ auch in Zukunft noch von Menschenansammlungen abhängig. Und zweitens zählt Heynkes zu den Leuten in Wuppertal, die immer auf der Suche nach Neuem sind. Deshalb ist das Ende der Partygesellschaft für ihn keine Katastrophe. „Wir müssen raus aus der Panik. Die Dinge werden sich neu sortieren“, sagt er. Und es ist seine Art, dafür gleich auch Vorschläge zu haben. So sollten die Regelhüter zwischen Partys und anderen Veranstaltungen unterscheiden. Clubs hätten es demnach schwer, wieder in den Normalmodus zu kommen, Theater und Kinos beispielsweise hingegen nicht. Und auch Besuche in Fußballstadien hält Heynkes für den Fall für möglich, dass es keine Stehplätze gibt und die Menschen sich nicht bei jedem Tor ihres Teams in die Arme fallen. Dass all dies folgenlos bliebe, damit rechnet der Unternehmer allerdings nicht. „Wenn sich bei solchen Veranstaltungen eine Handvoll Leute ansteckt, dann müssen wir das akzeptieren“, sagt er. Das sei bei Grippewellen ähnlich. „Es wird auch neue Formen des Gesellschaftslebens geben, die wir heute noch nicht kennen. Und es wird Dinge nicht mehr geben, die früher schon überflüssig waren.“

Inzwischen kann der ehemalige Veranstalter der Pandemie sogar Positives abgewinnen. „Plötzlich gehen Dinge, die bisher nicht gingen“, sagt er und erinnert an das Einschreiten der Politik gegen Werkverträge und die teils menschenunwürdige Unterbringung von Arbeitern in der Fleischindustrie. „Jahrelang haben das alle gewusst und keiner hat etwas dagegen getan. Jetzt ist Arbeitsminister Hubertus Heil dagegen vorgegangen.“  Von Lothar Leuschen