»Wir müssen die Welt in den Hintern treten«

Mina:»Wir müssen die Welt in den Hintern treten«

                          

Nähe in Zeiten, die Distanz vorschreibt. Das ist die Herausforderung für eine Institution, deren Geschäftsmodell es ist, Menschen zu erreichen, sie zu berühren, emotional, aber auch unmittelbar. Die Kirche steckt in einem Dilemma. Sie will reden, sie will erreichen, sie will nah sein, aber sie kann nicht, sie darf nicht. Und doch muss sie. So zumindest sieht es Werner Kleine. Der Pastoralreferent der katholischen City-Kirche Elberfeld ist tagtäglich unterwegs, um mit Menschen über seinen Glauben, seine Überzeugung und darüber zu reden, welche Rolle Kirche in einer modernen Gesellschaft noch spielen kann. Er sieht die Felle der großen christlichen Glaubensgemeinschaften in Deutschland davonschwimmen. Was er aus Anlass des Katholikentages 2005 in Köln vorhergesagt hat, ist ziemlich genau so eingetreten. „Wir dürfen in St. Laurentius mit 80 Leuten Gottesdienst feiern. Aber selbst jetzt wird die Kirche nicht voll“, sagt er. Kleine wundert sich darüber nicht. Die ohnehin nur noch von wenigen empfundene Pflicht zum Kirchenbesuch am Sonntag wird mit Hinweis auf das Virus negiert. „Und wir müssen damit rechnen, dass einige dieser Menschen nach Corona nicht wiederkommen werden.“ Das Virus beschleunigt auch bei den Kirchen einen Prozess, der bereits vor vielen Jahren begonnen hat. Die Parteien mit dem C im Namen sind schon längst nicht mehr der politische Arm der großen Glaubensgemeinschaften. Die Kirchen müssen für ihre Positionen mehr denn je selbst werben in einem Konkurrenzkampf mit allen anderen Interessengruppen. Und, glaubt Kleine, sie müssen sich neuen Fragen zuwenden. „Die Angst vor der Hölle haben wir den Menschen durch Beichte und Ablasshandel genommen“, sagt der Pastoralreferent. „Wir konzentrieren uns immer noch auf Probleme, die Menschen heute gar nicht mehr haben. Die neuen Fragen heißen Covid-19, Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit, politischer Extremismus. Die Kirche ist in ihrem Frömmigkeitsangebot gefangen, aber dafür gibt es keinen Markt mehr.“

Schwimmenlos  Deli

Dabei haben sich auch Katholiken über Jahrhunderte sehr menschennah positioniert, sagt Kleine und erinnert nicht zuletzt an die katholische Soziallehre, die auf Friedrich Engels, Adolf Kolping, Johann Gregor Breuer und Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler basiert. „In den päpstlichen Worten gibt es dazu immer wieder Äußerungen dazu.“ Aber sie erreichen das Volk nicht. Dass der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki das Priesterseminar zuletzt tagsüber als Corona-Anlaufstelle für Obdachlose öffnete, hat außerhalb der Domstadt kaum jemand mitbekommen. Seine Wahrnehmung. Das ist ein Hauptproblem der Kirchen.

„Wir müssen die Menschen in den Hintern treten“, sagt Kleine deshalb. Und er meint, dass mehr und lauter über das gesprochen werden müsse, was die Glaubensgemeinschaften der Gesellschaft geben könnten. In seiner katholischen Kirche kenne er einige Männer und Frauen, die kraftvoll auf die Welt zugehen wollen. „Aber wir treffen auch immer wieder auf Bedenkenträger.“ Das sei problematisch angesichts der Kampagnenfähigkeit von Rechts- und Linksextremisten. Wie also soll das gehen? Wie sollen Leute wie Werner Kleine auf Menschen zugehen, wo die Corona-Pandemie für einen vermutlich noch langen Zeitraum Distanz vorschreibt und Nähe verbietet? „Ich gehe wieder raus“, sagt Kleine und erinnert an seine Reden auf dem Berliner Platz. Alles mit Abstand, versteht sich, aber unüberhörbar. Auch St. Martin und Weihnachten müssen und gefeiert werden, sagt der Pastoralreferent. Wie, das weiß er noch nicht. „Wenn die Kinder nicht mit St. Martin ziehen können, dann könnte St. Martin mit einer Kapelle doch an den Kindern vorbeiziehen.“ Möglich. Und das wäre für Kleine auch erst der Anfang. „Es führt überhaupt kein Weg daran vorbei, dass wir uns den Leuten ausliefern. Von Angesicht zu Angesicht, aber mit Vorsicht.“ Covid 19, Klimaschutz, politischer Extremismus, soziale Spaltung – die Welt sei voller Fragen. „Und die Menschen haben Antworten verdient.“  Von Lothar Leuschen