Zufluchtsort mit sozialer Nähe in Abstand gebietender Zeit

Mina:Zufluchtsort mit sozialer Nähe in Abstand gebietender Zeit

Gärtnern ist das neue Kochen: Bei einem Besuch in der Anlage des Kleingartenvereins Leibusch – Langerfeld wird klar, warum immer mehr Menschen gerade jetzt eine eigene Parzelle haben wollen.

Irgendwann entdeckt der Blick auch sie: Drei kleine Gartenzwerge, die Farbe in die Jahre gekommen wie sie selbst, ein kleines Grüppchen hinter der niedrigen Teichumrandung in Rudi Liebmingers Garten. Der müsse eigentlich mehr gepflegt werden, sagt der gebürtige Österreicher skeptisch und blickt auf die Kleeblumen im Rasen neben dem kleinen Gewässer mit der Wasserspielpumpe. Aber seitdem der 60-Jährige Staplerfahrer vor zwei Monaten Witwer wurde, kommt er nicht so recht hinterher mit der Arbeit auf seiner Parzelle – einer von insgesamt 24 des Kleingartenvereins Leibusch – Langerfeld. Der zweite Vorsitzende und Gartenwart liebt die frische Natur hier: „Jeden Tag nach der Arbeit g’schwind in den Garten und auch die Gesellschaft“ sind seine ganze Freude seit vielen Jahren, seit 16 Jahren im Verein. Liebminger ist ein Trendsetter.   

Der geht zum (Klein-)Garten, nicht erst, aber verstärkt seit der Coronakrise. Motto: „Gärtnern ist das neue Kochen“. Und das hat gute Gründe: Der Kleingarten erlaubt den einschränkungslosen Aufenthalt draußen, befriedigt den Wunsch nach (unbelasteter) Natur, bietet menschliche Nähe ohne das Abstandsgebot zu unterlaufen. Das spießbürgerliche Image ist Vergangenheit genauso wie das verschämte Verschweigen, seine Zeit im Schrebergarten zu verbringen. „Wir waren noch nie verstaubt oder langweilig, unsere Siedlung ist frisch und offen, bunt und vielfältig“, hält Vereinsvorsitzender Siegfried Gmyrek selbstbewusst dagegen. Warum sonst sollten immer wieder Gäste die offene Anlage aufsuchen? Geändert habe sich die grundsätzliche Einstellung der Menschen, die Kleingärten mehr als Freizeithighlight und weniger als Gartenpflicht ansehen. Nur wenige wühlten auch heutzutage noch von morgens bis abends im Boden.   

Seit einem Vierteljahr zieht das Interesse an den Gärten an, erreichen auch Gmyrek vermehrt Anfragen. Er trägt sie auf einer Warteliste ein. Freie Parzellen, in der Regel zwischen 200 und 300 Quadratmeter groß, hat er nicht, Fluktuation gebe es nicht. Freie Flächen gebe es eigentlich nur, wenn jemand aus Alters- oder Gesundheitsgründen aufgebe. Seit der Coronakrise schätzt auch der 64-jährige Produktionsleiter seine Parzelle noch mal mehr, „weil man sich hier frei und im Freien bewegen“ könne. Ohne Einschränkungen, nur die Hygieneregeln wurden verschärft.

Auch Stephan Streich sieht einen Zusammenhang mit Corona. „Gerade jetzt sei der Garten goldwert“, sagt der 39-jährige Potsdamer, der seit drei Jahren dabei ist und so etwas wie ein Vertreter der Nachfolgegeneration. Die im KGV Leibusch-Langerfeld auf dem Vormarsch ist. Wenngleich das Durchschnittsalter immer noch ab 50 aufwärts liege, gibt Gmyrek zu – aber man verjünge sich gerade. Wie die meisten wohnt der junge Familienvater Streich in der Nähe, in einer Wohnung mit Balkon gegenüber, so dass er nur über die Straße muss, um seinen Zufluchtsort zu erreichen. Als der Systemingenieur seine Gartenarbeit in Wuppertal aufnahm, war seine Frau schwanger, nun erleben sie den Sohn, der im eigenen kleinen Beet lernt, „achtvoll mit Insekten und Blumen umzugehen“: „Ich bereue meine Entscheidung nicht eine Minute. Wir genießen das Wetter, die Natur und auch die Arbeit.“ Das alles sei recht entspannend und mache einfach Spaß. Das aktuelle vermehrte Interesse der Menschen am Kleingarten stellt er auch in den Zusammenhang mit dem Wunsch nach Bioprodukten. „Wenn ich mir Erdbeeren im Supermarkt kaufe, schmeckt das anders, wenn ich meine eigenen esse, weiß ich, was drin ist und es erinnert mich an meine Kindheit.“ Dabei musste Streich „als Stadtkind“ das Gärtnern erst lernen. „Im ersten Jahr habe ich nur eine Mini-Mohrrübe geerntet und jetzt wachsen welche, wo ich gar keine gesät habe. Man wächst mit seiner Aufgabe“, strahlt er. Die Natur mache viel allein und zeige, wie es gehe. Sagt er und dass er sich im Garten um Gemüse und Obst, also verwertbare Anpflanzungen kümmere, während seine Frau für die Blumen zuständig sei.

Die Älteren denken wie Streich. Siegfried Gmyrek, der seit 1960 in Langerfeld beheimatet ist, erwarb 1981 seine Parzelle, weil er für die Familie mit der kleinen Tochter, die 1982 zur Welt kam, ein Refugium suchte. Er genießt es, sein Obst selbst zu ernten, ein hervorragendes Lebensgefühl sei das. Und ein geselliges, unterstreicht Jürgen Paggel. Der 65-jährige Rentner und ehemalige Einzelhandelskaufmann hat seinen Garten letztes Jahr schweren Herzens aufgegeben, weil er es körperlich nicht mehr schaffte. Dennoch ist er geblieben, nicht nur weil er Kassierer im Verein ist, sondern weil er hier seine Freunde hat. Und weil es nun mal ein einmaliges Erlebnis sei, wenn was aus dem Boden wachse, das man selbst gesät habe und das man essen könne.

Üppiger Blumenwuchs zieht die Blicke auf sich. Zwischen Lavendel, Rosen, Hortensien und vielen heimischen Blütenschönheiten stehen vielfach Obstbäume, Stauden, wächst Gemüse – Zucchini, Tomaten Kürbisse. Vorschriften gibt es, aber die werden nicht mit dem Zollstock nachgehalten. Dabei gehe es um die Gemeinschaftsarbeit, Anteile und Höhe von Gemüse, Gehölzen, Terrasse, Laube, Blumen, Rasen. Die Lage sei einfach hervorragend, sehr sonnig, es gebe Vögel und Insekten ohne Ende, erzählt Gmyrek nicht ohne Stolz. Und gibt einen kurzen Exkurs in die Geschichte von Verein und Anlage, die direkt nach dem Krieg zusammen mit der Siedlung entstanden und mit ihr und ihren Menschen eng verbunden sind. 2001 hat die Stadt das zirka 7000 Quadratmeter große Gelände, das über einer ehemaligen Zechenanlage liegt, kernsaniert, das kontaminierte Erdreich ab- und eine Sperrschicht aufgetragen, darüber Mutterboden. Damals spaltete sich der Verein vom KGV Langerfeld ab, der Neustart löste eine „große Aufbruchsstimmung“ aus. Das Sommerfest entwickelte sich zum Stadtteilfest, auf das sich die ganze Nachbarschaft freue. Der Ausfall in diesem Jahr sei entsprechend schmerzhaft. Das Nachholfest 2021 wird groß ausfallen müssen, auch des runden Geburtstags wegen. Klar, dass man „die grüne Lunge“ verteidigen werde, wenn nötig auf die Barrikaden gehe, wenn sie wegen der geplanten Gesamtschule zur Disposition gestellt werden sollte.

Zuvor aber wird der Sommer genossen. Findet der diesmal im heimischen Garten statt? Ja, sagt Streich, „ich habe doch den Urlaub vor der Tür“. Und Gmyrek lächelt: „Braun kannst du auch hier werden.“ Nur Liebminger fährt nach Österreich, in seine alte Heimat. Und nimmt Pagel mit. Die Grenze ist ja wieder auf. Und (Kleingarten-) Freunde halten zusammen.