„Globaler Klimaschutz muss im Kleinen gelebt werden“

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„Globaler Klimaschutz muss im Kleinen gelebt werden“

Arno Minas ist der neue Wirtschaftsdezernent Wuppertals. Im Interview spricht er über seine Aufgaben und den Zusammenhang zwischen Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit.

Arno Minas arbeitet eng mit der Wirtschaftsförderung zusammen und ist zudem Verwaltungsratsvorsitzender des Jobcenters.

Herr Minas, können Sie Ihren Aufgabenbereich als Wirtschaftsdezernent kurz skizzieren?

Arno Minas: Ich sehe mich insbesondere als der Ansprechpartner für die Wirtschaftsvertreter in die Stadtverwaltung hinein. Viele Bereiche, die Einfluss darauf haben können, ob sich Unternehmen in der Stadt ansiedeln und weiterentwickeln können, sind in meinem Dezernat gebündelt – hier allen voran die Stadtentwicklung und das Bauwesen. Ich arbeite dabei eng mit der Wirtschaftsförderung zusammen und bin zudem Verwaltungsratsvorsitzender des Jobcenters.
        

Sie wurden bereits als „Superminister der Stadtverwaltung“ bezeichnet …

Minas: Neben der Wirtschaft hat der Rat entschieden, auch die Ressorts Stadtentwicklung und Städtebau, Bauen und Wohnen, das Rechtsamt und die Stabsstelle Klimaschutz in meinem Dezernat anzusiedeln. In den Ressorts und Ämtern sind, was nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, unter anderem auch der Denkmalschutz, die Zentrale Vergabestelle oder Wahlen und Statistiken enthalten. Das ist ein sehr breites und interessantes Spektrum, in dem ich mich als Jurist mit langjähriger Erfahrung im öffentlichen und privaten Baurecht, aber auch im Umwelt- und Vergaberecht, sehr gerne bewege.

Welche Rolle nimmt Wuppertal im Bergischen Städtedreieck ein?

Minas: Wuppertal ist die größte Stadt im Bergischen Städtedreieck. Dennoch denke ich, dass hier auf Augenhöhe immer dann gemeinsame Lösungen gesucht und auch gefunden werden, wenn dies für die gesamte Region von Vorteil ist. Wer Kräfte bündelt, kann mehr erreichen. Wuppertal muss hier nicht zwingend ein „primus inter pares“ sein, aber die Stadt Wuppertal muss jederzeit den Mut und die Kraft haben, für die gemeinsamen Ziele voranzuschreiten.

Was sind die großen Standortvorteile der Stadt?

Minas: Wuppertal kommt aus einer langen Tradition als eine der ältesten Industriestädte. Noch immer gibt es die alteingesessenen Werkzeug-, Textil-, Chemie- und Industrieunternehmen. Dieser Spirit ist der Stadt nie verloren gegangen, auch wenn die Branchen heute doch ganz andere sind. Zentral in NRW zwischen Rheinund Ruhrschiene in reizvoller Landschaft gelegen, halte ich die Stadt für einen der spannendsten und zukunftsfähigsten Lebensräume. Dazu gehört auch eine lebendige und reichhaltige Kulturszene, die wir nach der Pandemie hoffentlich alle wieder genießen können. Als ganz besonderen Standortvorteil sehe ich das Engagement und die Innovationskraft der Menschen in Wuppertal und ihren Mut, Neues auszuprobieren. Das beginnt mit der Schwebebahn, die auch noch nach 120 Jahren nicht wegzudenken ist, und geht bis hin zu der Idee des Circular Valley, die immer mehr Gestalt annimmt und Wuppertal zum Zentrum für Nachhaltigkeit machen will. Nicht zu vergessen sind die Bergische Universität oder das Wuppertal Institut, die mit Lehre und Forschung weit über die Landesgrenzen strahlen und die Entwicklung innerhalb der Stadt nachhaltig inspirieren.

Wuppertal hat sein ganz eigenes Flair. Inwiefern wird das beim Städtebau berücksichtigt?

Minas: Neben der herausfordernden Topografie ist für Wuppertal seine polizentrische Struktur charakteristisch. Das hängt mit der Entwicklungsgeschichte der Stadt zusammen und deshalb hat jeder Stadtteil sein ganz eigenes Flair. Städtebaulich wirken wir darauf hin, die Lebensbedingungen für die Menschen zu verbessern und den Bedarf an Wohnraum und Flächen für die Wirtschaft zu decken. Dabei findet der Charakter jedes einzelnen Stadtteils bis hinein in die Quartiere Berücksichtigung. Nicht alle Ideen der Verwaltung finden uneingeschränkt Anklang. Aber das ist auch gut so. Im Diskussionsprozess – sei es auf Ebene der Bezirksvertretungen und in den Fachausschüssen – kommen wir im Idealfall zu Lösungen, die breite Akzeptanz finden.

Inwiefern strahlt eine Großstadt wie Wuppertal auf das überwiegend ländlich geprägte Bergische Land aus?

Minas: Wuppertal bietet neben Arbeitsplätzen in Wirtschaft und Verwaltung auch Forschungs- und Bildungseinrichtungen sowie eine lebendige Kunst- und Kulturszene, die wir hoffentlich alle bald wieder genießen können. So wie die Menschen aus dem ländlichen Umland gerne nach Wuppertal kommen, genießen viele Wuppertaler die unmittelbare Nähe zum reizvollen Bergischen Land.

Als Mitglied der Grünen liegt Ihnen der Umweltschutz im Blut. Wie kombiniert man Wirtschaft und Umwelt?

Minas: Ich möchte aus dem Schlagwort „Umwelt“ lieber „Nachhaltigkeit“ machen, denn das umfasst viel mehr und hat letztlich Einfluss auf die Umwelt. Heutzutage sehe ich die größte Herausforderung für eine Synergie von Wirtschaft und Klimaschutz sowie für das gesamte Thema Nachhaltigkeit in den Köpfen und Denkmustern der Menschen. Sowohl Klimaschützer als auch Vertreter der Wirtschaft begreifen diese Themen bisher häufig im Widerspruch zueinander. Ich bin davon überzeugt, dass Nachhaltigkeit und wirtschaftliches Handeln in den nächsten fünf bis zehn Jahren untrennbar voneinander werden. Nachhaltigkeit wird zu einem Qualitätsfaktor für Dienstleistungen und physische Produkte werden und möglicherweise irgendwann sogar den Marktzugang regeln. Die Vermittlung der Idee, dass Nachhaltigkeit und Ökonomie Hand in Hand gehen müssen, sehe ich auch ganz klar als meine Aufgabe. Ich denke, Wuppertal bietet dafür gute Voraussetzungen – insbesondere im Vergleich zu vielen anderen traditionellen Industriestandorten in Deutschland. Aufgrund der bereits genannten Innovationskraft haben sich viele ortsansässige Unternehmen bereits auf den Weg gemacht. Diese ersten Schritte weisen in die richtige Richtung. Und Circular Valley wird da noch ganz eigene Impulse senden.

Warum sind Klimaschutz und Umweltschutz in unterschiedlichen Dezernaten angesiedelt?

Minas: Diese Dezernatseinteilung war zunächst eine Entscheidung des Rates. Ich kann sie jedoch gut nachvollziehen: Im Bereich Umweltschutz sind die unteren staatlichen Behörden angesiedelt, die zum Beispiel für Naturschutz, Bodenschutz oder Gewässerschutz zuständig sind, also bestehende Gesetze direkt anzuwenden und zu vollziehen haben. Der Klimaschutz, den wir jetzt mehr und mehr um weitere Nachhaltigkeitsthemen ergänzen, ist hingegen eher querschnittlich und themenübergreifend planerisch und beratend tätig. Ein erster Schritt war dabei die Erstellung des Integrierten Klimaschutzkonzeptes, das nun in vielen Einzelmaßnahmen umgesetzt wird. Ich sehe Klimaschutz beziehungsweise Nachhaltigkeit deshalb eher als Thema der Stadtentwicklung. Selbstverständlich gibt es aber bei Berührungspunkten mit dem Umweltschutz eine enge Kooperation mit den Kolleginnen und Kollegen.

Wie wichtig ist Klimaschutz, vom Globalen heruntergebrochen auf das Lokale?

Minas: Wo sonst sollen die Veränderungen stattfinden, wenn nicht auf lokaler Ebene, und zwar möglichst rund um den Globus? Oder andersherum: Globaler Klimaschutz muss im Kleinen gelebt werden. Das wird in Summe nicht nur dem weltweiten Klima zugutekommen, sondern auch dem Mikroklima in der Stadt oder gar im Quartier. Jede Maßnahme, die vor Ort Veränderungen bringt, ist ein Mosaiksteinchen für die großen Veränderungen und trägt im Idealfall dazu bei, dass sich die Menschen in ihrem Umfeld wohler fühlen. Nur als ein Beispiel will ich die Begrünung der Innenstädte nennen, durch die im Sommer die Temperaturen deutlich sinken. Gleichzeitig steigt die Aufenthaltsqualität, also ein Zugewinn auf allen Ebenen.

Seit Corona hört man kaum noch etwas von der Klima-Krise. Wie kann man das Thema nicht aus den Augen verlieren?

Minas: In der täglichen Arbeit ist für uns der Klimaschutz auf lokaler Ebene nie in den Hintergrund getreten. Die Projekte werden wie geplant abgearbeitet. Richtig ist jedoch, dass der Fokus der Öffentlichkeit im Moment auf der Bewältigung der Corona-Pandemie liegt. Die Klimakrise ist aber, denke ich, bei vielen Menschen angekommen und deren Bewältigung wurde als vordringliche Aufgabe erkannt. Ich sehe darüber hinaus, dass Klimaschutz und Klimafolgenanpassung vielleicht die einzigen wichtige und globalen Themen sind, die durch die Pandemie nicht vollständig in den Hintergrund gedrängt wurden – auch in der öffentlichen Berichterstattung.