„Globalisierte Lieferketten hinterfragen“

Starke Partner im Bergischen:„Globalisierte Lieferketten hinterfragen“

Frank R. Witte, Sprecher der Geschäftsführung der Vereinigung Bergischer Unternehmerverbände, zu den Auswirkungen der CoronaPandemie auf die regionale Wirtschaft

Wie sind die Unternehmen im Bergischen bisher durch die Krise gekommen? 

Frank R. Witte: Bislang haben die von der Regierung beschlossenen Sofortmaßnahmen Wirkung gezeigt. Das gilt insbesondere für die vereinfachten Zugangsbedingungen zur Kurzarbeit. Schon ab zehn Prozent der Beschäftigten kann ein Unternehmen in Kurzarbeit gehen, um auf diese Weise bestehende Arbeitsplätze in der Krisenzeit zu sichern. 

Das Ausmaß der Inanspruchnahme von Kurzarbeit ist aber schon heute gegenüber der Bankenkrise dramatisch. Bei der hiesigen Arbeitsagentur wurden bis zum 26. April 5233 Betriebe mit 79 707 Personen gezählt, die Kurzarbeit angezeigt hatten. Im Jahr 2009 waren es nur 1499 Unternehmen mit 35 362 Beschäftigten. Eine Umfrage der Metall-Arbeitgeber in NRW in der ersten Mai-Woche ergab,dass hier fast zwei Drittel der Unternehmen in Kurzarbeit sind. Trotz dieses Instruments stieg die Arbeitslosenquote im Bergischen Städtedreieck bereits auf 8,9 Prozent (Vorjahr: 7,6 Prozent). Und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Jedes vierte Metallunternehmen will in den kommenden Monaten betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr ausschließen. Die Lage ist also überaus ernst.

Wie kann und konnte die VBU® ihre Mitgliedsunternehmen bei der Bewältigung der Pandemiefolgen unterstützen?

Witte: Da wir eine Zeitspanne von zehn wirtschaftlich sehr guten Jahren hinter uns haben, traf der Lockdown die Wirtschaft wie aus heiterem Himmel. Erstmals mussten sich viele Unternehmen wieder mit der Kurzarbeit beschäftigen, was einen riesigen Informationsbedarf auslöste. Begleitet wurde dieser Umstand von praktisch täglich neuen Gesetzeslagen, die wir erst einmal verarbeiten mussten. Wir haben dann unsere Mitgliedsfirmen im Wochentakt mit dicken Informationspaketen versorgt, die Telefone standen nicht mehr still. Während wir früher zu anlassbezogenen Informationsveranstaltungen eingeladen haben, konnten wir wegen des Kontaktverbotes derartige Maßnahmen gar nicht durchführen. Wir haben dann sehr schnell auf virtuelle Sitzungen umgestellt und zusätzlich Webinare angeboten, die hervorragend angenommen wurden. Die Zugriffszahlen auf unsere schriftlichen Informationen erreichen ebenfalls Höchstwerte.

Wie lange hält die Industrie noch durch?

Witte: Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten, weil die Branchen doch sehr unterschiedlich sind. In der Metallindustrie ist fast die Hälfte der Betriebe von Produktionseinschränkungen „stark“ oder sogar „sehr stark“ betroffen. Dies gilt insbesondere im Umfeld der Automobilindustrie. Die weitere Entwicklung hängt stark davon ab, inwieweit es gelingt, den Konsum anzukurbeln, unterbrochene Lieferketten wieder herzustellen und die Liquidität der Betriebe zu erhalten.

Wird die Pandemie die Globalisierung verändern? Werden die Betriebe ihre Produktion wieder nach Deutschland holen?

Witte: In der Tat werden zu Recht globalisierte Lieferketten zurzeit hinterfragt. Vielen Unternehmen werden sicherlich dazu übergehen, ihre Lieferketten weiter zu diversifizieren, um nicht nur von einem oder sehr wenigen Zulieferern abhängig zu sein. Andererseits hat aber die globalisierte Arbeitsteilung auf allen Seiten zahlreiche Vorteile gebracht, so dass ein vollständiges Zurückdrehen faktisch kaum vorstellbar und auch nicht wünschenswert ist. Am Ende wird sich hier sicherlich ein neuer Mix an Möglichkeiten ergeben. Dies gilt insbesondere für systemkritische Produkte wie etwa den Medikamentenmarkt.

Die augenblickliche Krise hält aber auch positive Effekte bereit. Man denke nur an die sprunghaft angestiegenen Telefon- und Videokonferenzen, die zahlreiche Geschäftsreisen überflüssig machen. Hier hat es eine ganz steile digitale Lernkurve gegeben, die auch in Zukunft anhalten wird. Ich bin mir sicher, dass Dienstreisen deutlich abnehmen werden.

Wie sollte ein Konjunkturpaket aussehen, das den Neustart der Wirtschaft unterstützt?

Witte: Hier muss man sehr genau hinschauen, was man in welchem Umfang mit welcher Wirkung wirklich sinnvoll gestalten kann. Man darf nicht vergessen, dass schon die bislang ergriffenen Maßnahmen eine schwindelerregende Höhe angenommen haben. In dieser Lage können nicht noch zusätzlich Konjunkturpakete nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden.

Zudem muss man berücksichtigen, dass bei dem Lockdown ein normaler Konsum auch gar nicht möglich war.Die Menschen haben also mehr gespart als ausgegeben, sodass ein zusätzliches „Helikoptergeld“ unnötig erscheint.

Wichtiger wäre mir, dass Investitionen primär in solche Bereiche fließen, bei denen ein nachhaltiger gesamtgesellschaftlicher Nutzen zu erzielen ist. Ich denke zum Beispiel an die digitale Infrastruktur, bei der Deutschland einen Nachholbedarf hat oder an den Ausbau von Stromtrassen, um die Energie auch dort verfügbar zu machen, wo sie wirklich gebraucht wird.

Und schließlich muss man auch berücksichtigen, dass die Bundesrepublik internationale Pflichten hat, die auch und gerade in der Krise nicht aus dem Blickfeld geraten dürfen. Eine reine „Nabelschau“ wäre viel zu kurz gegriffen.


Modernes Industrie- und Gewerbegebiet auf altem Kasernengelände

Auf dem Gelände der ehemaligen Colmar- und Diedenhofen-Kasernen hat sich Gewerbe- und Dienstleistung sowie Wohnen angesiedelt.

Eines der wichtigsten Industriegebiete der jüngeren Zeit in Wuppertal ist der Engineering Park an der Parkstraße. Auf dem Gelände der ehemaligen Colmar und Diedenhofen-Kasernen ist ein modernes Industrie- und Gewerbegebiet mit mehr als 240 000 Quadratmetern Fläche entstanden. Eine Besonderheit dieses Areals ist die Tatsache, dass es sich um ein Kooperationsprojekt zwischen der Baufirma Kondor Wessels und der Stadt Wuppertal handelt.

Die Investitionen und die Bautätigkeiten auf dem ehemaligen Kasernengelände sind in Abstimmung mit der Stadtverwaltung privatwirtschaftlich erfolgt. Gemeinsam mit Kondor Wessels wurde ein Bebauungsplan erarbeitet, der sowohl kommunale als auch privatwirtschaftliche Interessen abdeckte.

Das Gebiet umfasst nicht nur Gewerbe- und Dienstleistungsflächen, sondern auch ein modernes Wohngebiet, sodass dort eine Kombination von Wohnen und Arbeiten möglich ist. Inzwischen sind bis auf eine Fläche alle Grundstücke verkauft.

Dependance des Wuppertaler Technologiezentrums
Wichtige Unternehmensansiedlungen sind zum Beispiel die Herberts Industrieglas GmbH & Co. KG, die ChemCollect GmbH, die Kettenfabrik Striebeck & Dierichs, sowie moderne Dienstleistungsbetriebe. Auch das Wuppertaler Technologiezentrums W-Tec hat in zwei ehemaligen Mannschaftsgebäuden eine Dependance eröffnet.

Einen thematischen Schwerpunkt bildet auch der medizinische Bereich. So hat zum Beispiel der renommierte Sanitäts- und Reha-Anbieter Beuthel GmbH & Co. KG dort seine Zentrale errichtet. Ergänzt wird dieses Angebot durch drei moderne Facharztpraxen.

Durch diese erfolgreiche Kooperation zwischen der Stadt Wuppertal und Kondor Wessels als privatem Projektentwickler konnten in dem ehemaligen Kasernengelände inzwischen moderne und dringend benötigte Industrie- und Gewerbeflächen geschaffen und auch bereits zahlreiche Ansiedlungen von Unternehmen realisiert werden.


Innovative Gläser aus Wuppertal

In Lichtscheid im neuen Gewerbegebiet Engineering Park ist auch seit einigen Jahren ein Unternehmen ansässig, das zu den führenden Firmen im Bereich„Schaugläser“ zählt. Herberts Industrieglas hat die „Metallverschmolzenen Schaugläser“ entwickelt, die unter anderem in der chemischen Industrie verwendet werden.

Die Firma Herberts Industrieglas ist vor wenigen Jahren von Wuppertal-Barmen nach Lichtscheid in den neuen Engineering Park gezogen.
Die Firma Herberts Industrieglas ist vor wenigen Jahren von Wuppertal-Barmen nach Lichtscheid in den neuen Engineering Park gezogen.

Die Idee, ein sicheres Schauglas herzustellen, wurde Anfang der 1980 Jahre von der Wuppertaler Firma in enger Zusammenarbeit mit den Chemiekonzernen Bayer,Hoechst und BASF entwickelt. Das Ergebnis ist eine Innovation, die mittlerweile zum Standard geworden ist: metallverschmolzene Schaugläser, die seitdem unter dem Begriff „METAGLAS®“ firmieren.

Die Firma Herberts Industrieglas hat dadurch weltweit für Aufsehen gesorgt, und die eigenen Produktionsstätten wurden durch die steigende Nachfrage im Laufe der Jahre zu klein. Ergebnis: Vor wenigen Jahren zog Herberts Industrieglas von Wuppertal-Barmen nach Lichtscheid um. „Der Standortwechsel war schon länger angedacht“, sagte Geschäftsführer Karl Schuller der Westdeutschen Zeitung im Jahr 2018 anlässlich des Umzugs.

Vier Millionen Euro in Neubau investiert
Gut vier Millionen Euro hatte die Firma, deren Schaugläser unter anderem für Druckbehälter etwa in der Tiefseeforschung oder für die chemische Industrie produziert werden, in den Neubau investiert. Die sogenannten „Metallverschmolzene Schaugläser METAGLAS®“ bestehen dabei aus einer Sichtscheibe, die in einen Stahlring eingeschmolzen ist. „Die unterschiedlichen Wärmedehnungskoeffizienten von Glas und Metall bewirken einen Druckspannungszustand im Glas“, heißt es auf der firmeneigenen Homepage. „Diese mechanische Vorspannung des Glases bietet ein Plus an Sicherheit gegenüber thermisch vorgespannter Gläser. Durch die mechanische Bearbeitung des Stahlringes können aufwändigere Formen, also konstruktive Lösungen für Schaugläser realisiert werden.“ Herberts Industrieglas hat mit dieser Technik, die eine Verschmelzung von Metall und Glas vorsieht, ein einzigartiges Nischenprodukt geschaffen. Diese „Luken“, die keine Dichtungen mehr benötigen, werden vielfach in der Pharma- und Chemieindustrie eingesetzt, weitere Einsatzgebiete sind in der Entwicklung.