„Riesenpotenzial in dieser Stadt“

Wir in Wuppertal

„Riesenpotenzial in dieser Stadt“

Wuppertal strebt für 2035 Klimaneutralität an. Zahlreiche Initiativen engagieren sich für eine nachhaltige Stadt. Behördliche Auflagen und fehlende Vernetzung innerhalb der Verwaltung verhindern aber oft eine gezielte Umsetzung, sagt Andrea Bierwirth vom Wuppertal Institut.

Die Nordbahntrasse hat einen enormen Schub für die aktive Mobilität in Wuppertal gebracht.

Das bürgerschaftliche Engagement in Wuppertal hinsichtlich einer nachhaltigen Stadtentwicklung ist sehr ausgeprägt“, sagt Anja Bierwirth, Leiterin des Forschungsbereichs Stadtwandel Abteilung Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. „Aber Klimaschutz ist keine kommunale Pflichtaufgabe.“ Und so gibt es auch in der Stadt im Tal noch viel zu tun.

Dringlichkeit des Themas ist bei den Städten angekommen

Wie viele andere Kommunen strebt auch Wuppertal das Ziel der Klimaneutralität für das Jahr 2035 an. „Das zeigt, dass die Dringlichkeit des Themas auch bei den Städten angekommen ist“, sagt Bierwirth. Mit der Folge, dass zunehmend bei Wissenschaftlern wie auch von ihrem Wuppertal Institut an gefragt wird, wie das denn zu erreichen sei. „Das Zieljahr 2035 für Klimaneutralität ist auf alle Fälle extrem ambitioniert und kann allenfalls erreicht werden, wenn die Emissionen sofort drastisch reduziert werden“, sagt Bierwirth. Dabei müsse aber sozusagen „aus der Zukunft zurückgeschaut“ werden, um zu entscheiden, wohin die Reise gehen soll. Und das könne eine Stadt keinesfalls alleine leisten.

Beispiel Gebäude: Hier schlägt Bierwirth, die auch Mitglied im Klimabeirat ist, vor, bei einem Eigentümerwechsel etwa durch Verkauf oder Erbfall geeignete Maßnahmen für das Klima zu ergreifen – etwa eine dämmende Gebäudehülle anzubringen oder eine Photovoltaikanlage auf den Dach zu installieren. Wichtiger aber sei es im Hinblick auf dem „Blick zurück aus der Zukunft“ sich die Frage zustellen, wie man denn das Haus in 15 bis 20 Jahren nutzen wolle. Dieser Aspekt werde bislang noch zu wenig berücksichtigt. Zum Beispiel im Hinblick auf die „Empty-Nest-Zeit“, also wenn die Kinder aus dem Haus sind. „Dann bleibt meist ein Paar oder eine Person allein zurück“, berichtet Bierwirth. „Wir haben hierzu eine Umfrage durchgeführt. Das Interesse dieser Gruppen, sich wohnlich zu verkleinern, ist groß. Viele wünschen sich alternativ zu ihrer aktuellen Wohnsituation etwa Alters-WGs, kleinere Appartments, eine Untervermietung oder die Schaffung von zwei Wohneinheiten im Haus.“ Doch gebe es auf diesem Feld noch kaum Beratung und Förderung für solche Umbauten. 
      

Anja Bierwirth ist Leiterin des Forschungsbereichs Stadtwandel, Abteilung Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie.
Anja Bierwirth ist Leiterin des Forschungsbereichs Stadtwandel, Abteilung Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie.

Ressourcen für Wohnen finden sich laut Bierwirth noch auf einem anderem Feld, nämlich bei untergenutzten Büroflächen und Brachen in der Stadt. „Man könnte das, was da ist, besser nutzen, als weiterhin Neubauten auf der grünen Wiese zu realisieren“, sagt Bierwirth.

Beispiel Mobilität: „Es wird zwar immer wieder die Forderung laut, dass kein Verkehrsmittel benachteiligt werden dürfe“, sagt Bierwirth. „Tatsache ist aber, dass im Sinne der Klimaneutralität der Autoverkehr massiv zurückgebaut werden muss, denn der ist viel zu dominant in den Städten.“ Das sei allerdings ein konfliktreiches Feld, bei dem es nicht allein um den Kampf um Stellplätze gehe. Und es reicht nach Bierwirths Ansicht für eine Klimaneutralität auch keinesfalls aus, nun alternativ auf Elektro- oder Wasserstoff-Autos zu setzen. „Denn es zählt ja nicht nur das Fahren vor Ort, sondern man muss auch die Herstellung und den Transport mit einbeziehen. Das ist ein ganzer Emissionen-Rucksack, der da noch dranhängt.“

Wenn man dagegen verstärkt auf Fuß- und Radwege setze, führe dies zu vielerlei positiven Folgewirkungen: „Flächen können entsiegelt und Hitze-Inseln abgebaut werden“, sagt Bierwirth. Das wiederum ermögliche bei Starkregen ein besseres Versickern und entlaste so die Kanalisation – Stichwort Schwammstadt. „Die Verkehrssicherheit wir bei weniger Autos steigen, es gibt weniger Lärm und bessere Luft. Gerade die Mobilitätswende ist ein besonders wichtiger Hebel bei der Erreichung des Klimaziels.“ Synergien werden laut Bierwirth aber noch viel zu wenig angestrebt. 

Beispiel Verwaltung: „Für solche nachhaltigen Prozesse gibt es noch zu wenig Schnittstellen bei den Behörsen.“ Etwa bei der Planung von Kitas, Schulen oder Altenheimen werde der Klimaschutz noch zu wenig mitgedacht. Da die Einrichtungen zentral gelegen und gut erreichbar sein sollen, würden diese meist ausgerechnet an Punkten errichtet, die zugleich städtische Hitze-Inseln darstellten. „Da ist es nicht selten im Sommer bis zu acht, zehn Grad wärmer. Und das trifft dann ausgerechnet die vulnerablen Gruppen. Bis hin zur Todesfolge. Es muss in der Verwaltung besser kommuniziert werden, dass auch die Errichtung eines Seniorenheims im Kontext des Klimawandels gesehen werden muss.“ Doch leider säßen die Entscheider eben nicht in den Grünflächen- und Umweltämtern, sondern in anderen Behörden. „Hier fehlt es an einer Kultur der Zusammenarbeit und an Fortbildung“, findet Bierwirth. 
         

Im Sinne der Klimaneutralität muss der Autoverkehr massiv zurückgebaut werden, findet Anja Bierwirth vom Wuppertal Institut.
Im Sinne der Klimaneutralität muss der Autoverkehr massiv zurückgebaut werden, findet Anja Bierwirth vom Wuppertal Institut.

Verwaltungs-Guide für klimafreundliche Projekte

Dabei gibt es nach Ansicht der Klimaexpertin viele positive Initiativen in der Stadt, etwa am Arrenberg, am Ölberg oder auch bei der Utopiastadt. „Das bürgerschaftliche Engagement für eine nachhaltige Stadtentwicklung ist in Wuppertal sehr ausgeprägt. Wir haben hier ein Riesenpotenzial. Aber es gibt viele Genehmigungshindernisse, was die Auflagen und die Verwaltungsbestimmungen anbelangt.“ Es stelle sich die Frage, wie solche Initiativen besser unterstützt werden könnten. „Denkbar wäre ein Verwaltungs-Guide, der den Menschen und Gruppen, die sich für klimafreundliche Projekte einsetzen, durch den Gesetzes-Dschungel hilft.“

Ein weieres Problem sei die Haftungsfrage. „Die aktuelle Lage führt ja mitunter zu absurden Situationen. Da wird eine Straße aufgerissen und Gas oder Fernwärme verlegt und die Straße wieder zugemacht. Drei Wochen drauf wird dieselbe Straße wieder aufgemacht, um Glasfaser zu verlegen. Und das, weil jede Firma einzeln haftet und verpflichtet ist, eine geschlossene Decke zu hinterlassen. Das ist eine enorme Ressourcenverschwendung. Hier gibt es sicherlich Alternativlösungen, etwa in Gestalt von Lehrrohren, die verlegt werden.“

Ein hervorragendes Beispiel, wie man bestehende Infrastruktur gemeinwohlorientiert einer neuen Nutzung zuführen könne, ohne erneut große Energien zu investieren, seien die von der Wuppertalbewegung wiederbelebten Trassen. „Das stellt einen enormen Schub für die aktive Mobilität in dieser Stadt dar“, sagt Bierwirth.