Afghanische Spezialitäten in Barmen

Wir in Wuppertal:Afghanische Spezialitäten in Barmen

Der gelernte Diplom-Ingenieur Abdul Walid Rahim floh 1981 vor den Sowjets aus seinem Heimatland. Inzwischen hat er den deutschen Pass und führt ein gefragtes Spezialitäten-Restaurant an der Wichlinghauser Straße, wo er gerne auch von seinem Heimatland und seinem Werdegang in Wuppertal erzählt.

Auch wenn Japan und China weiter entfernt liegen, sind Sushi, Sashimi, Frühlingsrollen und Ente süßsauer weit vertrauter als Burani Bodenjan, Bolani oder Sambosa. „Burani Bodenjan oder Bolani“. Nie gehört? Kein Wunder, denn das sind afghanische Spezialitäten, und in Nordrhein-Westfalen gibt es lediglich zwei afghanische Restaurants. Eins davon ist in Wichlinghausen beheimatet, einem Stadtteil mit viel internationalem Charakter, allerdings auch ein Quartier, in dem nicht gerade Wuppertals einkommensstärkste Bevölkerungsgruppe lebt.

Liebenswürdige Bedienung und reichhaltige Speisekarte

„Kabul“ heißt das gepflegte Restaurant, in dem der Inhaber Abdul Walid Rahim die Gäste äußerst liebenswürdig persönlich begrüßt und gern die reichhaltige Speisekarte erklärt. Schließlich zählen afghanische Gerichte zu den eher seltenen und daher exklusiven Genüssen. Wobei exklusiv nicht gleichbedeutend mit teuer ist, denn der Gast wundert sich über die eher moderaten Preise, die hinter den Köstlichkeiten aus dem unbekannten Land stehen, das bedauerlicherweise im Fernsehen vor allem durch die terroristischen Angriffe auf die gequälte Zivilbevölkerung in den Blickpunkt rückt.

„Die afghanische Küche wird geprägt durch die verschiedenen Volksstämme wie Turkmenen, Usbeken, Paschtunen oder Tadjiken, die alle ihre Spezialitäten eingebracht haben“, erklärt der elegant gekleidete sympathische Herr, der die Gerichte auch selbst zubereitet und an die langen weiß gedeckten Tische bringt.

„Ein Hauptelement unserer Speisen ist der braune langkörnige Basmati-Reis, der mittels vielen Gewürzen wie Nelken, Zimt, Kreuzkümmel, Koriander und schwarzem Pfeffer zubereitet wird. Da werden auch die Einflüsse der persischen und der indischen Küche erkennbar“, erfährt der Gast.

Die afghanische Küche ist sehr vielseitig, denn sie wird von vielen Einflüssen geprägt.
Die afghanische Küche ist sehr vielseitig, denn sie wird von vielen Einflüssen geprägt.

Vorspeisen wie Salate, leckere Maultaschen in einem aromatischen Dipp, afghanische Nudelsuppe, vegetarische Gemüseecken oder Bratlinge vermitteln Vorfreude auf die Hauptgerichte, die vorzugsweise mit Lamm, Kalb oder Fisch zubereitet werden. Und da das Auge bekanntlich mitisst, ist auch der prachtvolle Anblick der Speisen ein Genuss.

Auch der Nachtisch wie Crèmepudding mit Pistazien, Kardamom, Mandeln und Rosenwasser verspricht exotisches Vergnügen. „Fühlen Sie sich einfach wohl“, fordert Abdul Walid Rahim seine Gäste nicht nur persönlich, sondern auch per Speisekarte auf. Und es fällt dem Gast nicht schwer, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen.

Wer es ganz stilgerecht mag, der kann auch im Schneidersitz in der arabischen Sitzecke Platz nehmen. Da sitzt man fast ebenerdig auf bequemen Kissen und speist von der auf gleicher Höhe aufgebauten Tafel.

„Diese zehn Plätze werden meist von Gesellschaften im Voraus bestellt. Und manchmal gibt es dazu auch die passende Live-Musik“, sagt Rahim, der übrigens trotz meisterhafter Beherrschung dieses Metiers kein gelernter Koch ist.

„Diplom-Ingenieur“ steht im Zusammenhang mit seinem Namen auf der Tür, und der Bau-Ingenieur erklärt, dass er 1981 nach Deutschland gekommen ist. Geflohen übrigens, denn der heute 62-Jährige gehörte zu den afghanischen jungen Bürgern, die energisch gegen den damaligen Einmarsch der sowjetischen Soldaten in sein Land protestierten.

„Das Reich des Bösen“ hatte der damalige US-amerikanische Präsident Ronald Reagan die Sowjetunion genannt und hatte die aufständischen Mudschaheddin unterstützt. Nach der zwischenzeitlichen Machtübernahme durch die Taliban, die eine besonders radikale Form des Islam durchsetzen wollten, kam das Land nicht mehr zur Ruhe. Krieg und blutige Anschläge beherrschten seitdem die Szene in der seit 2004 ausgerufenen islamischen Republik Afghanistan.

Neuanfang in einem fremden Land mit völlig anderen Kultur

Wer es ganz stilgerecht mag, der kann auch im Schneidersitz in der arabischen Sitzecke Platz nehmen.
Wer es ganz stilgerecht mag, der kann auch im Schneidersitz in der arabischen Sitzecke Platz nehmen.

„Weil ich um mein Leben fürchten musste, bin ich 1981 nach Deutschland geflohen, und meinem Asylantrag wurde auch relativ schnell entsprochen“, erinnert sich der Gastronom an seine Anfänge im fremden Land mit einer völlig anderen Kultur und Lebensauffassung.

„Es war eine schwierige Zeit, zumal meine Zeugnisse und auch mein Abitur nicht anerkannt wurden. Auch meine Anträge beim Kultusministerium mit der Bitte um Anerkennung meiner Unterlagen wurden abgelehnt.“ Doch der ehrgeizige junge Mann gab nicht auf, erlernte die Sprache, legte die Abiturprüfungen ab und wurde zum Studium der Ingenieur- Wissenschaften an der Bergischen Uni zugelassen. „Das Studium musste ich selbst finanzieren“, so Rahim, „deshalb habe ich Taxi gefahren“.

Auch die Arbeitssuche gestaltete sich schwierig für den jungen Diplom-Ingenieur, der schließlich eine Anstellung bei einer Baufirma fand, die aber nach zwei Jahren pleite ging. Ein Taxi-Unternehmen und ein Kiosk im damaligen, inzwischen geschlossenen Tunnel unter dem Alten Markt in Barmen waren weitere Stationen im schwierigen Berufsleben des Afghanen, der inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hat.

„Ich wohne schon lange in Wichlinghausen, und als der Laden hier an der Wichlinghauser Straße 2007 frei wurde, da habe ich einfach zugegriffen, zumal hier die Miete erheblich günstiger ist als zum Beispiel in Elberfeld“, beschreibt der Ingenieur seine Anfänge als Gastronom. „Ich habe immer schon gern gekocht und früher meine Freunde bewirtet“, beschreibt er seine Motivation, ein afghanisches Restaurant zu eröffnen.

In den ersten Jahren blieb das „Kabul“ allerdings ein sehr geheimer Geheimtipp. „Zum Glück haben mich mir bekannte Künstler und Akademiker unterstützt“, ist Rahim auch heute noch dankbar. Doch, dass es da in der Wichlinghauser Straße 75 etwas Besonderes und zwar etwas besonders Delikates gibt, hat sich inzwischen etwas weiter verbreitet.

„Am Wochenende sollte man vorbestellen“, rät der stolze Restaurantbesitzer, der täglich außer Montag um 18 Uhr und am Samstag und Sonntag zusätzlich von 12 bis 15 Uhr öffnet und sich über Dutzende begeisterte Bewertungen im Internet freuen kann.


Schmelztiegel der Internationalität

Neben den großen Kultureinrichtungen spielt auch die Freie Szene eine zentrale Rolle für die Kultur in der Stadt Wuppertal.

Lesung im Café Hutmacher in Utopiastadt
Lesung im Café Hutmacher in Utopiastadt

Unter Freier Kulturszene sind dabei alle selbstorganisierten Künstler und Kulturschaffenden sowie kulturellen Vereine und freien Kulturträger zu verstehen, die nicht als kommunale Kultureinrichtungen organisiert sind. Während die unterschiedlichen Kulturinstitutionen der Stadt Wuppertal klar definierte Ausrichtungen und Aufgabenfelder haben und mit ihrem jeweiligen Profil in der Öffentlichkeit präsent sind, stellt die Freie Szene ein breites, spartenübergreifendes kulturelles Feld mit sehr unterschiedlichen Akteuren sowie verschiedenen Veranstaltungsformaten und -orten dar.

In dieser Vielfalt liegt die Besonderheit dieser Szene, ebenso wie im Facettenreichtum ihrer experimentell-künstlerischen Ausdrucksformen sowie der Diversität ihrer Zielgruppen. Die Akteure der Freien Kulturszene tragen ganz wesentlich zur kulturellen Pluralität, Qualität und Internationalität in der Stadt bei und leisten wertvolle sozial relevante Kulturarbeit, indem sie einem breiten Kreis von Bürger die Teilhabe an Kultur erst ermöglichen. Dennoch bleibt ihre Bedeutung für die kulturelle Entwicklung Wuppertals in der öffentlichen Wahrnehmung eher diffus. Das Kulturbüro der Stadt Wuppertal versteht sich als Lobbyist dieser Freien Kulturszene und unterstützt ihre Akteure im Rahmen seiner personellen und finanziellen Möglichkeiten in vielfältiger fördernder Hinsicht.

Im Hinblick auf Kulturarbeit bedeutet Internationalität einerseits, dass Wuppertaler Künstler und kulturelle Vereinigungen im Ausland durch Konzerte, Ausstellungen, Tourneen oder Stipendien präsent sind und dadurch kulturelle Impulse aus Wuppertal in die Welt tragen. Andererseits bedeutet dies, dass über die Aktivitäten der Kulturschaffenden der Freien Szene Künstler aus aller Welt in die Stadt geholt werden und so wiederum ein internationaler künstlerischer Austausch erfolgt. Internationalität wird auch dann gelebt, wenn die in der Stadt lebenden Bürger*innen mit Migrationshintergrund und Touristen aus dem Ausland durch das Kulturangebot angesprochen und erreicht werden.

In dieser Hinsicht ist Wuppertal ein Schmelztiegel der Internationalität, denn zahlreiche Projekte, Aktivitäten oder kontinuierliche Veranstaltungsformate sind international ausgerichtet. Im Folgenden sollen dies einige wenige Beispiele aus der Freien Szene Kultur verdeutlichen.

So ist zum Beispiel die „Peter Kowald Gesellschaft/ort“ in der Wuppertaler Luisenstraße nicht nur durch ihr Konzertprogramm seit Jahrzehnten ein Hotspot internationaler Vernetzung. Als die Traditionsstätte für Jazz und improvisierte Musik ist der „ort“ ein Inspirationsort für Künstler von nah und fern und untermauert dies mit seinem Artist in Residence- Programm, das ausländischen Künstler ermöglicht, dort für einige Wochen zu arbeiten und in die kulturelle Vielfalt der Stadt Wuppertal einzutauchen. Gleich nebenan, ebenfalls in der Luisenstraße, ist das Konzept des Café Swane durch alle seine kulturellen Aktivitäten – von Konzerten und Ausstellungen bis zu Diskussionsrunden – auf internationalen Austausch, nicht nur mit afrikanischen Künstlern, ausgerichtet. Einige Schritte weiter in der Bergstraße hat sich das „Loch“ als Experimentierfeld für innovative, spartenübergreifende Kunstformen mit internationalem Fokus bundesweit etabliert.

Weiter oben in der Nordstadt, direkt an der Nordbahntrasse, befindet sich im Mirker Bahnhof Utopiastadt. Dieser Hotspot künstlerischer Projekte mit dem Fokus auf gesellschaftliche Relevanz ist in vielfacher Hinsicht eine Plattform für Internationalität. Als nur ein Beispiel ist die Austragung des Gebäude- Energiewettbewerbs Solar Decathlon zu nennen, der 2021 erstmalig in Deutschland und zwar auf dem Gelände von Utopiastadt in Wuppertal stattfindet. Natürlich sind auch viele Wuppertaler Künstler international unterwegs, sei es durch Ausstellungsaktivitäten oder Tourneen – nur dringt dies in der Regel selten an die Öffentlichkeit.

Die Aufzählung international ausgerichteter Aktivitäten der Freien Szene in Wuppertal durch die ganze Stadt hindurch wäre endlos weiterzuführen, von den Ausstellungen des Neuen Kunstvereins, über die vielfältigen Programme der „börse“, des Kulturzentrums Immanuel oder der Bandfabrik bis hin zur Arbeit der Färberei – Zentrum für Integration und Inklusion. Kontinuierliche Veranstaltungsformate wie aktuell die jährlich stattfinden Afrika-Filmtage im Rex Filmtheater, das NRW-weite Festival Klangkosmos – Weltmusik oder das Tanzfilmfestival Tanzrauschen verdeutlichen, wie stark die Freie Szene in Wuppertal sich international vernetzt und international wirkt.

Dr. Bettina Paust, Leiterin des Kulturbüros der Stadt Wuppertal