Sanieren im Bestand statt klimaschädlichem Abriss und Neubau

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Sanieren im Bestand statt klimaschädlichem Abriss und Neubau

renaissance Immobilien und Beteiligungen AG   

Das Sanierungsobjekt Teschemacher Hof ist fast 400 Jahre alt. Dennoch kann der alte Lehmputz zum Teil wiederverwendet werden. Die renaissance AG hat hierfür ein spezielles Recyclingverfahren entwickelt. Zehn Wohnungen will das Unternehmen dort im Bestand errichten.

Diese Kooperation ist bislang einzigartig und könnte in Sachen Wohnraumbeschaffung in Deutschland ein ganz neues Kapitel aufschlagen: Das Unternehmen renaissance Immobilien und Beteiligungen AG sowie die Bergische Universität wollen erstmals anhand eines konkreten Wuppertaler Projektes den jeweiligen Energieverbrauch und die Umweltverträglichkeit von einerseits Abriss und Neubau sowie andererseits Sanierung im Bestand detailliert auflisten, analysieren und am Ende in der Gesamtbilanz einander gegenüberstellen.

Konkret geht es um das Projekt Sanierung des Fabrikgebäudes der Pfenning-Schuhmacher-Werke (PSW) an der Alarichstraße. Das 1906/07 entstandene, mit Backsteinen, glasierten Kacheln und Putzfeldern reich gegliederte Fabrikgebäude ist eine von einstmals zahlreichen Knopffabriken in Wuppertal. Die renaissance Immobilien planen in der ehemaligen Gewerbe-Immobilie nahe der Nordbahntrasse und dem Neubaugebiet Am Heubruch die Errichtung von rund 30 Wohnungen im Bestand, wie Vorstand Christian Baierl erläutert.

Nach seiner Meinung wird die Energie-Bilanz (renovierter) Altbau versus Abriss und Neubau bislang noch viel zu eingeschränkt betrachtet: „Es wird immer nur auf den reinen Verbrauch geschaut, so ähnlich, als wenn man ein altes Auto einem neuen gegenüberstellen würde und dann eine Bilanz in Sachen Spritverbrauch zöge.“


Christian Baierl, Vorstand der renaissance Immobilien und Beteiligungen AG
Christian Baierl, Vorstand der renaissance Immobilien und Beteiligungen AG

"Altbauten und Denkmäler sind Klimaschützer. An Bau- und Abbruchabfällen fallen jährlich 209 Millionen Tonnen an, was 52 Prozent des deutschen Abfallaufkommens entspricht. Stahl und Zement sind die Hauptverursacher für CO2 und gigantische Klimakiller. Laut IWF ist allein die Zementproduktion für acht Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Eine Sanierung ist jedem Neubau vorzuziehen.“


Im Baubereich liegen die Dinge nach Ansicht und Erkenntnis von Baierl aber ganz anders: „Man darf nicht nur die kontinuierlichen Verbrauchswerte sehen, sondern muss das ganze Paket in den Blick nehmen. Denn wenn ich ein altes Gebäude abreiße und ein neues baue, verbrauche ich gigantische Mengen an Energie.“ Und das soll nun erstmals in der Kooperation mit der Bergischen Universität wissenschaftlich fundiert analysiert und begründet werden. Für das Projekt, bei dem Baierl eng mit Dr. Daniel Lorberg kooperiert, der unter anderem auch den Solar Decathlon am Mirker Bahnhof, einen internationalen studentischen Wettbewerb zum Thema nachhaltiges Bauen, organisiert, sind Bundesfördermittel in Aussicht gestellt worden.

Christian Baierl und seine renaissance AG sind inzwischen längst erste Adresse, wenn es um Sanierung und Neunutzung von Altbauten wie auch historischen Fabrik-Arealen in Wuppertal vorzugsweise aus der Gründerzeit geht. So hat sein Unternehmen bereits vorbildhaft eine ganze Häuserzeile aus dieser Epoche gegenüber den Bayer-Werken an der Friedrich-Ebert-Straße saniert. „Das Unternehmen hat uns fast einen kompletten Straßenzug verkauft. Vermutlich nicht ohne Grund. Die Häuser sind nun denkmalgerecht saniert und erstrahlen in neuem Glanz.“

Ein weiteres Projekt der renaissance AG ist der Teschemacher Hof – bis 1630 reicht dessen Geschichte zurück, was ihn zu einem der ältesten Fachwerkhäuser der Stadt macht. 2019 hatte die renaissance AG den ziemlich maroden Komplex von der Stadt erworben, die Sanierungsarbeiten haben inzwischen begonnen. Auf 870 Quadratmetern Fläche sollen zehn neue Mietwohnungen entstehen. Erst vor Kurzem hat das Unternehmen des Weiteren das ehemalige Albert-Henckels-Werk an der Langerfelder Straße gekauft. Dort sollen bis zu 50 Wohnungen sowie Co-Working-Spaces und Büros errichtet werden.
   

Im Industriekomplex Kaiser & Dicke an der Gewerbeschulstraße, ebenfalls ein Sanierungsprojekt der renaissance AG, sind inzwischen Kunstschaffende eingezogen. Dort sollen bis Ende kommenden Jahres 32 Mietwohnungen fertiggestellt werden.
Im Industriekomplex Kaiser & Dicke an der Gewerbeschulstraße, ebenfalls ein Sanierungsprojekt der renaissance AG, sind inzwischen Kunstschaffende eingezogen. Dort sollen bis Ende kommenden Jahres 32 Mietwohnungen fertiggestellt werden.

War es noch vor ein paar Jahren nicht so einfach, Wuppertaler Altbesitzer von einem Verkauf beziehungsweise einer Neunutzung ihrer Immobilien zu überzeugen, hat sich die Lage inzwischen offenbar geändert: „Die Gebäude finden mich, die Menschen kommen von sich auf die Idee, uns ihre Immobilien anzubieten“, sagt Baierl. So hatte in dem Industriekomplex Kaiser & Dicke an der Gewerbeschulstraße, ebenfalls ein Sanierungsprojekt von renaissance, der Eigentümer zuvor 30 Jahre lang selbst gearbeitet und war dem Gebäude entsprechend emotional stark verbunden. „Nach dem Verkauf hat er uns noch eine Dankes-Mail geschrieben, dass er froh sei, dass das Gebäude nun einer neuen guten Nutzung zugeführt werde“, berichtet Baierl. Inzwischen sind die Pina-Bausch-Foundation sowie eine Zweigstelle der Hochschule für Bildenden Künste Essen dort eingezogen. Zusätzlich zu den Ateliers sollen überdies bis Ende kommenden Jahres 32 Mietwohnungen in dem Komplex fertiggestellt werden.

„Wuppertal mit seinem großen Altbaubestand hat Potenzial. Da wollen die Leute hin. Gerade solche Lofts sind immer mehr gefragt.“ Zunehmend, so Baierl, kämen Anfragen hiernach aus den Städten der Rheinschiene, also Düsseldorf und Köln, aber auch darüber hinaus. „Altbauten in der Masse wie in Wuppertal gibt es dort nämlich nicht. Und wenn, dann nur zu schwindelerregenden Mieten. Da sind die Mieten in Wuppertal noch überschaubar. Aber es zieht auch hier an.“ Neben diesem Wohntrend seien es aber vor allem die Umweltaspekte, die für das Sanieren sprächen. „Und hier kann die Stadt Wuppertal mit ihren vielen schönen Altbauten zum Vorreiter werden.“ Leider, so Baierls Einschätzung, habe Wuppertal hier seine Trümpfe noch nicht erkannt. „Bei den Baugenehmigungsverfahren gibt es noch zu viele bürokratische Hemmnisse. Die Stadt profitiert bislang nicht vom Boom im Markt, da sind andere Städte, wie etwa Leipzig oder Halle, die über einen ähnlichen Altbaubestand verfügen, weiter.“ So sei Wuppertal bei einem Städteranking der Zeitschrift Wirtschaftswoche auf Platz 56 gelandet. Ganz besonders schlecht scheide Wuppertal in der Kategorie Wohnungsneubau ab. „Da liegt die Platz Stadt nur auf Platz 68 von 71 untersuchten Städten in Deutschland.“

Hauptverursacher für Ressourcen- und Energieverbrauch

Wobei Baierl betont, dass Neubau keineswegs die Ultima Ratio sei, wenn es um Wohnraumbeschaffung gehe. Denn der Bausektor sei einer der Hauptverursacher für den enormen Ressourcen- und Energieverbrauch in Deutschland, so Baierl. Die energetische Bilanz bei einem Neubau sei verheerend. Baierl: „Selbst bei einer veranschlagten Nutzungsdauer eines neuen Gebäudes von 70 Jahren holt man den Mehrverbrauch vom Anfang nicht auf. Zudem geht ein Neubau oft mit einem enormen Flächenverbrauch einher, wodurch wertvolle Lebensräume für die Tier- und Pflanzenwelt verloren gehen und Flächen versiegelt werden.“

Und Baierl nennt Zahlen: „In Deutschland werden jährlich 517 Millionen Tonnen mineralischer Rohstoffe verbaut. Das entspricht 90 Prozent der gesamten inländischen Entnahme. Auch der jährliche Einsatz an Baustahl – immerhin 5,5 Millionen Tonnen – und Zement – hier sind es 26,6 Millionen Tonnen – ist erheblich, was in der Summe dazu führt, dass der deutsche Gebäudebestand inzwischen schätzungsweise 15 Milliarden Tonnen Material umfasst. An Bau- und Abbruchabfällen fließen jährlich 209 Millionen Tonnen aus dem Baubereich ab, was 52 Prozent des deutschen Abfallaufkommens entspricht. Und dieser Bauschutt wandert dann auch noch zumeist nach Osteuropa auf günstigere Deponien, wohin er dann durch halb Europa kutschiert wird. Gleichzeitig beinhaltet dieser Rohstoffeinsatz große Einsparpotenziale, weshalb dem Bauwesen eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung von Ressourceneffizienz zukommt.“

Baierls Fazit: „Stahl und Zement sind die Hauptverursacher für CO2 und gigantische Klimakiller.“ Erst allmählich setze hier jedoch ein Undenken ein, etwa bei der Organisation „Architects for future“.

Wie es anders gehen kann, zeigt die renaissance AG mit ihren Sanierungen in Wuppertal und räumt dabei zugleich mit einem Vorurteil auf: „Fast alle Gründerzeit-Wohnungen lassen sich heute barrierefrei ausbauen, mit einem Fahrstuhlschacht auf der Rückseite des Gebäudes und natürlich auch mit Balkonen“, sagt Baierl.

Fast 400 Jahre alter Baustoff weiderverwendet

Wie weit Recycling im Baubereich gehen kann, erläutert er am Beispiel des Teschemacher Hofes. Der Rohstoff dort ist 400 Jahre alt. Dennoch kann der alte Lehmputz zum Teil wiederverwendet werden. „Wir haben dort mit einem Anbieter von Lehmputz einen Weg gefunden, das Stroh und den alten Lehm, wo dieser brüchig ist und von der Wand zu fallen droht, wiederzuverwenden. In der Sanierungsphase werden vor dem Gebäude Bottiche aufgestellt, in denen wir neuen Lehmputz mit dem alten Lehmputz vermischen können und dann wieder auf der Wand auftragen. Wir werden so fast überhaupt keinen Bauschutt aus dem Gebäude entsorgen. In enger Abstimmung mit dem Amt für Denkmalschutz werden wir keine Innenwände aus dem Gebäude entfernen und das Gebäude genauso nutzen können. Bei Produktion und Verarbeitung von Kalkputz fallt 30-mal mehr CO2 an als bei Lehmputz. Und wenn dann noch altes Material hinzukommt, ist das quasi unschlagbar.“ Das Projekt werde von der Kfw-Bank innerhalb eines CO2-Effizienz-Programmes gefördert. Baierl: „Das machen wir zum ersten Mal so, das ist schon eine besondere Herausforderung.“