Gegen den Strom

Fahrspaß 11/2019:Gegen den Strom

VW legt die achte Generation des Golfs auf Kiel, doch bei dem Hype um das Elektroauto VW ID.3 scheint die Neuauflage der Ikone zu verblassen. Dabei bietet dieser Golf einiges.

VW ID.3 hier, Milliardeninvestitionen da. Bei dem ganzen Getöse um die Transformation von Europas größtem Autobauer hin zu Elektromobilität geht unter, das Volkswagen noch eine ganze Weile Fahrzeuge mit konventionellen Antrieb herstellen wird und muss. Und da steht Ende des Jahres ebenfalls eine wichtige Zäsur an: Die achte Generation des Golfs kommt auf den Markt – immerhin eine Ikone der Automobilindustrie, die über 45 Jahre hinweg über 35 Millionen Mal verkauft wurde.

Bei den Abmessungen hat sich der neue Golf kaum verändert, ist nur marginal länger als die 4,26 Meter der aktuellen Version, genauso breit aber fast drei Zentimeter flacher – steht also stämmiger da. Dazu trägt auch die etwas höhere Schulterlinie bei. Das bedeutet: Auch der Golf 8 ist sofort als solcher zu erkennen. Das ist die Kunst beim Design der Marken-Ikone, bei der die Vorgängergenerationen nicht schnell optisch alterten. Die Motorhaube trägt jetzt deutlich sichtbare Kanten, die schmalen Voll-LED-Scheinwerfer blitzen in die Umwelt, der Kühlergrill ist schmaler, dafür der untere Lufteinlass breiter. Um gegen den Elektro-Strom zu schwimmen, findet der größte Fortschritt des Kompaktmodells unter dem Blech statt. „Das ist der intelligenteste Golf, den es je gab“, sagt Produktmanager Petar Danilovic und fügt hinzu: „Wir rücken den Menschen in den Mittelpunkt.“ Das bedeutet bei VW ein digitales Cockpit, mehr Konnektivität und Assistenzsysteme, die man bisher bei den Niedersachsen nur von höherklassigen Modellen kannte.

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Der Golf 8 ist „always on“

Also rauf auf den Fahrersitz. Schnell fällt auf: Auch in diesem Golf fühlt man sich sofort wohl. Die digitalen Instrumente sind klar ablesbar und verzichten auf jede Effekthascherei, der zehn Zoll Infotainment Bildschirm ist zum Fahrer geneigt und das Head-Up Display wird auf die Windschutzscheibe projiziert. Modern wird es bei der Konnektivität: Die Vorlieben des jeweiligen Fahrers werden in einer Cloud abgespeichert und können bei Bedarf oder Fahrzeugwechsel wieder abgerufen werden. Das Smartphone soll den klassischen Autoschlüssel ablösen. Als Bedienungshilfe steht Amazons Alexa bereit und die Sprachsteuerung soll mit natürlichen Kommandos erfolgen. Wie es Mode geworden ist, wird diese Funktion mit „Hallo Volkswagen“ gestartet. Das „Hirn“ des Ganzen ist die aktuelle Ausbaustufe des Modularen Infotainment Baukasten (MIB3), und die Bedienung des Infotainments funktioniert wie bei einem Smartphone per Apps.

Der Golf 8 ist „always on“, also stets online. Deswegen können im Laufe des Autolebens auch neue Funktionen per Update drahtlos ins Auto übertragen werden. Dass die nicht alle umsonst sein werden, dürfte klar sein. Serienmäßig ist die Car2X-Fähigkeit, also kann sich der Golf 8 mit der Umwelt austauschen. Das hilft bei den zahlreichen Fahrassistenzsystemen: Sobald den Golf Meldungen über Staus, stockenden Verkehr oder gar Unfälle erreicht, reagiert das System und reduziert die Geschwindigkeit. Der Stauassistent übernimmt bis 60 km/h die Steuerung des Autos im Stopand-go-Verkehr, während der adaptive Tempomat bis 210 km/h aktiv ist. Der Linksabbiegerassistent wird durch eine größere Abdeckung des Frontradars ermöglicht, und das Sensorenschutzschild achtet auch auf Radfahrer, die am Auto vorbei wollen, dabei berechnet die Technik anhand der Geschwindigkeit und Fahrtrichtung den Standort des Radlers und stellt so sicher, dass es keinen toten Winkel an der Flanke des Fahrzeugs gibt. Den Weg des Fahrradfahrers kann man auch im Bildschirm der Mittelkonsole verfolgen.

Ganz ohne Elektromobilität geht es auch beim neuen Golf nicht. VW hat bei den Motoren eine Hybrid-Offensive aus: Fünf elektrifizierte Antriebsstränge stehen dabei zunächst zur Auswahl. Diese MHEV-Aggregate haben einen Riemenstarter-Generator und werden luftgekühlt. „Das alles bei der kompakten Bauweise zu einem vernünftigen Preis unterzubringen, war schon eine Herausforderung“; erklärt Entwickler David Prochazka. Bei den Plug-in-Hybriden (eHybrid) hat der Kunde die Wahl zwischen zwei Varianten. Entscheidend ist die leistungsstärkere Batterie, die einer Energiedichte von 13 Kilowattstunden hat und so rein elektrische Reichweiten bis zu 75 Kilometern ermöglicht.

Aber auch bei den Verbrennern tut sich einiges: Bei den Benzinern feiern zwei weiterentwickelte TSI-Dreizylinder Premiere. Ergänzt werden diese durch 1.5 Liter Vierzylinder TSI. Dazu kommen noch zwei TDI-Dieselaggregate, die zu der Baureihe EA288 Evo gehören und mit einem Zweifach-SCR-Katsystem (Twindosing) ausgestattet sind, das die Schadstoffe über einen größeren Temperaturbereich weitmöglichst eliminiert. „Bei NOx bewegen wir uns auf die Nachweisbarkeitsgrenze zu“; freut sich Prochazka. Außerdem wird es eine CNG, GTI, GTD und eine sportliche R-Version des Golfs geben. Wolfgang Gomoll; press-inform