Ein jeder ist für alle da

Mina:Ein jeder ist für alle da

                          

Der Wuppertaler Philosoph und Historiker Andreas Steffens hat sich mit den sozialen Folgen der Corona-Pandemie auseinandergesetzt. Er fordert eine Daseinssolidarität der Menschen. Und kann sich vorstellen, dass das Tragen von Schutzmasken alltäglich wird.

Willkommen in einer ökonomisierten Welt: Probleme werden analysiert und gelöst, damit das Leben anschließend unverändert weitergeht. Unverfügbare Themen wie Sterblichkeit werden institutionell ausgegliedert und ausgeblendet. Der Mensch hat sich in den letzten Jahrhunderten die Welt untertan gemacht. Die Pandemie, erklärt Steffens, mache nun klar, „dass es Dinge gibt, die wir nicht beherrschen können“. Gegen das Virus, eines der ältesten „Lebewesen“ der Welt, gebe es bislang weder Gegenmittel noch Impfstoff. Nach wie vor sei viel zu wenig über Covid-19 bekannt. Die Pandemie stelle alles infrage, die Menschen seien in Panik vor dem Verlust des Erreichten. Ungewissheit lähme den verständlichen Impuls, die tief greifende Krise wie gewohnt mit Hilfe der Wissenschaft zu beenden, „Corona loszuwerden und wieder in den komfortablen Alltag zurückzukehren“.

Philosoph Andreas Steffens setzt sich mit den sozialen Folgen der Pandemie auseinander.
Philosoph Andreas Steffens setzt sich mit den sozialen Folgen der Pandemie auseinander.

Weil dem so ist, könne man nicht vorsichtig genug sein, appelliert Steffens: Die Politik habe mit ihrem Lockdown richtig gehandelt. Selbst wenn sich einzelne Maßnahmen im Nachhinein als übertrieben herausstellen sollten, könne man daraus keinen Vorwurf konstruieren. Die Politiker haben eben nicht mehr gewusst, nur den abgelegten Eid, „Schaden vom Volk abzuwenden“, erfüllt.

Dabei ist die Coronakrise für den Denker durchaus hausgemacht und nicht unabwendbares Schicksal. Sie hänge mit der Klimakatastrophe zusammen, stehe im Zusammenhang des zerstörerischen Umgangs des Menschen mit der Natur. In Folge der Umweltbewegung der 1970er und 80er Jahre, aus der die Grünen hervorgingen, habe die Gesellschaft ausreichend Kenntnisse und Techniken angesammelt, um anders mit der Natur umzugehen. Aber politische, durch Interessen geleitete Entscheidungen hätten deren Umsetzung bislang verhindert. Heißt im Umkehrschluss: „Wenn die Mehrheit der Bevölkerung einen Denk- und Mentalitätswandel will, kann sie andere politische Mehrheiten schaffen.“

Das A und O dabei: Die Mehrheit muss über Bildung verfügen, damit sie beim Umgang mit dem Virus, das weder staatliche Grenzen kennt noch soziale Unterschiede macht, den Verstand einschaltet. Das Bewusstsein müsse geschärft, auf Zusammenhänge hingewiesen und aufgeklärt werden, fordert Steffens. Die Menschen müssen begreifen, dass sie aufeinander angewiesen seien, eine Gesellschaft so organisiert sein müsse, dass alle miteinander leben können. Heißt: Ein jeder ist für alle da und hat bestimmte Pflichten zu erfüllen, um andere nicht zu gefährden. „Wenn ich mich so verhalte, dass ich keine gesundheitliche Gefahr für den anderen darstelle und die anderen das auch tun, dann ist keiner eine Gefahr für niemanden“, erklärt Steffens. Die Aufgabe der Gesellschafts- und Kulturpolitik bestehe darin, dieser Daseinssolidarität zum Durchbruch zu verhelfen – in Theorie und Praxis. Dann würde niemand mehr auf Verbote schielen, sondern Anordnungen begreifen, diese als ein „anderes Verhalten ohne Verzicht“ betrachten. Kurz: Bildung bewahrt vor Problemen mit der Akzeptanz der Schutzmaßnahmen.

Vom Verstand zum Gefühl: Der Mensch als soziales Wesen braucht Berührung. Berührung, die er jetzt zunehmend vermisst. Die Berührung sei, kontert Steffens, auch vor Corona schon einer tatsächlichen Distanz gewichen, indem „wir ständig mit anderen durch technische Möglichkeiten verbunden sind“. Dass sie nun fehle, biete aber die Chance, einen anderen Umgang miteinander zu finden. Zu erkennen, dass wirkliche Kommunikation nicht durch hunderte Facebookfreunde zu ersetzen sei. „Als wir uns nicht mehr treffen konnten, haben wir bemerkt, was fehlt“, nimmt Steffens jegliche Hoffnung, in der Digitalisierung Erlösung zu finden.

Gleichwohl ist er kein Freund allzu schneller Lockerungen, vermutet, dass die Krise eher langsam aus Berichterstattung und Medien verschwinden werde. Vorausgesetzt die Zahlen steigen nicht dramatisch an. Ähnlich der hohen Zahl Toter durch Grippeerkrankungen in jedem Winter, die gewohnheitsmäßig ignoriert werde. Er überlegt, ob das Händeschütteln vielleicht auf Dauer wegbleiben, das Anziehen der Schutzmaske, wie in Asien, zum Alltagsritual werden könnte. Eine weitere Änderung hält er für wahrscheinlich: Dass Gesundheit und deren Erhaltung gesellschaftliche Pflicht werden. Und beim Thema Berührungen, meint er zuversichtlich, „das wird sich wiederbeleben“. Von Monika Werner-Staude